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Aktuelle Stunde im Bundestag zum „Fall Haribo“: Goldbären können auch Brechreiz verursachen

Archivmeldung vom 18.12.2020

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 18.12.2020 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Anja Schmitt
Bild: "obs/HARIBO GmbH & Co. KG"
Bild: "obs/HARIBO GmbH & Co. KG"

Die bevorstehende Schließung des einzigen ostdeutschen Produktionsstandortes des Süßwarenherstellers Haribo im sächsischen Wilkau-Haßlau, nach 30 Jahren und im 100. Jubiläumsjahr der Firma, hat so viele Proteste ausgelöst, dass sich sogar der Bundestag mit dem Fall befasste. Auf Antrag der Linkspartei. Doch es wurde kein Triumphzug für sie, wie das russische online Magazin „SNA News“ berichtet.

Weiter heißt es diesbezüglich auf deren deutschen Webseite: "Über den Fall ist inzwischen hinlänglich berichtet worden. Der Süßwarenhersteller Haribo aus Grafschaft bei Bonn kaufte 1990 in Wilkau-Haßlau, in der Nähe von Zwickau, aus der Konkursmasse der DDR deren führenden Hersteller für Süßwaren aus Gelatine- und Lakritz auf: Wesa, ein Kürzel, das für Westsachen stand und aus einem Unternehmen hervorgegangen war, das 1898 gegründet worden war. Die Lakritzproduktion wurde eingestellt, die Fruchtgummi-Produktion unter dem weltbekannten Markennamen Haribo ausgeweitet. Von den einst 300 Mitarbeitern produzierten 2020 noch 130 eine Menge von 250.000 Beuteln mit sogenannten Gummitieren, wie sie in der DDR gerne genannt wurden. 250.000 Beutel oder 20 Millionen Stück der mehr oder weniger leckeren Nascherei. Täglich!

Haribo verdiente gutes Geld in Wilkau-Haßlau

Doch davor kam nicht nur kalendarisch der 6. November 2020. An diesem Tag wurden die Mitarbeiter auf dem Firmengelände in der Haaraer Straße in Wilkau-Haßlau zusammengerufen und ihnen kurz und bündig mitgeteilt, dass das Werk nicht mehr angemessen zu modernisieren sei und deshalb zum Ende des Jahres schließen werde. Die Belegschaft war fassungslos. Die Bürger in Wilkau-Haßlau ebenso. Auch die Politik war vor allem über die menschliche Kälte geschockt, die dem Vorgang innewohnte. Die Proteste begannen. Die Medien nahmen Witterung auf. Und Haribo-Chef Hans-Guido Riegel, ein Neffe des Firmengründers, schien ein atemberaubendes Talent zu entwickeln, sich als moderner Ebenezer Scrooge zu profilieren, der die Aufregung überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Die „häßliche Fratze des Kapitalismus“?

Vorwürfe wurden laut, der Kapitalismus zeige – wieder einmal – seine häßliche Fratze und selbst 30 Jahre nach dem Beitritt der DDR zum Grundgesetz werde der Osten wie ein Fußabtreter behandelt. Es war naheliegend, dass die Linkspartei diese Gesamtkonstellation für eine Aktuelle Stunde im Bundestag nutzen würde, in der sie sowohl kapitalistische Exzesse, einen grundsätzlich falsch konzipierten Prozess der Deutschen Einheit als auch eine verfehlte Wirtschaftspolitik gerade in den neuen Bundesländern anprangern konnte.

Sabine Zimmermann (Linke): Osten verkauft und ausgepresst

Für flammende Reden ist Sabine Zimmermann, Abgeordnete der Linkspartei aus dem Wahlkreis Zwickau, nicht unbedingt bekannt, aber als Expertin für Arbeitslosenzahlen und das Hartz4-System in den neuen Ländern. Entsprechend geißelte sie als Eröffnungsrednerin der Aktuellen Stunde die Deindustrialisierung der ehemaligen DDR, wodurch vergleichsweise kleine Werksschließungen wie die bei Haribo sofort so verheerende Wirkungen entfalten. Gerade auch deswegen erinnerte sie an 400.000 Pendler, die seit Jahren wegen des Jobs aus Ost- nach Westdeutschland pendeln. Zimmermann attestierte den Bundesregierungen der letzten Jahre „kläglich versagt“ zu haben. Und natürlich bekam Haribo sein Fett weg. Der Konzern habe sich einfach nur schäbig verhalten:

"Es ist immer wieder dieselbe Strategie, billig die Standorte übernommen, Fördermittel abkassiert, kaum investiert, und die Gewinne lange abgeschöpft, so wie es ging und zu niedrigen Löhnen. So ist der Osten verkauft und ausgepresst worden, mitsamt seinen Beschäftigten, und das ist unerträglich."

Karsten Körber (CDU): Linke redet den ganzen Osten schlecht

Diese Sichtweise ließ Karsten Körber, der für die CDU im Wahlkreis Zwickau das Direktmandat gewonnen hat, nicht stehen. Ganz im Gegenteil. Er ging Sabine Zimmermann, die Linkspartei und auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hart an und versuchte, Verständnis für die unternehmerische Entscheidung von Haribo zu wecken. Das Unternehmen würde in Summe in Deutschland Arbeitsplätze schaffen und habe einem sehr guten Sozialplan zugestimmt. Überdies habe Haribo eingewilligt, der Stadt Wilkau-Haßlau zwei Jahre lang die Summe zu zahlen, die bislang als Gewerbesteuer ins Stadtsäckel floss. Nun gäbe es zwei Möglichkeiten, meinte Körber, beleidigt zu sein oder sich an Realitäten zu orientieren:

"Dennoch zu behaupten, es gäbe Alternativen, ernsthafte Alternativen dazu, das ist nicht ehrlich. Erst etwas zu verhandeln und dann über die Folgen meckern, das geht nicht, man darf doch nicht mit den Hoffnungen der Mitarbeiter spielen, das ist unredlich. Und ich finde es schade, dass die Linke diesen Fall Haribo benutzt, um daraus ihr eigenes politisches Süppchen zu kochen. Und noch schlimmer, die Linke benutzt den Fall Haribo, um den gesamten Osten schlecht zu reden. Sie nehmen damit den Menschen ihr Selbstbewusstsein. Sie vertiefen die Spaltung mit so einer Debatte zwischen Ost und West."

Natürlich erntete Körber empörte Zwischenrufe aus den Reihen der Linksfraktion. Er beharrte aber darauf, dass immerhin vier potenzielle Kandidaten im Gespräch seien, das Werk in Wilkau-Haßlau zu übernehmen.

Jürgen Pohl (AfD): mit Federstrich im Westen entschieden

Das hielt nicht nur der thüringische AfD-Abgeordnete Jürgen Pohl für Zweckoptimismus. Pohl klang streckenweise als wenn er eigentlich für die Fraktion der Linkspartei ans Rednerpult getreten war:

"Der jahrzehntelange Fleiß und der hohe Aufbauwille der mitteldeutschen Beschäftigten wird fern der betroffenen Region mit einem Federstrich im Westen entschieden. Zum Hohn werden den auf die Straße gesetzten ostdeutschen Beschäftigten meist Arbeitsplätze in den alten Bundesländern angeboten."

Pohl schilderte einige Beispiele aus seinem Wahlkreis in Nordthüringen, die dem Fall Haribo aus seiner Sicht ähneln würden. „Haribo ist überall“ schmetterte er in den Saal. "Das ganze Szenario erinnert an ein Land, das von innen her einfriert, in der Folge sozialer Kälte und politischem Starrsinn der Regierenden."

Jürgen Martens (FDP): Linke merkt offenbar nicht, von wem sie Beifall erhält

Dass die Argumentation des AfD-Abgeordneten der ähnelt, die auch von der Linkspartei vorgetragen wird, nahm der FDP-Abgeordnete des Wahlkreises Zwickau, Jürgen Martens, zum Anlass, die Linkspartei zu ärgern, die sich auch pflichtschuldigst über ihn empörte, als er Sabine Zimmermann von der Linksfraktion vorhielt, sie merke offenbar nicht, von wem sie Beifall erhalte und ihre Politik diene der Spaltung und nicht den Betroffenen. Allerdings klang auch Martens streckenweise ziemlich globalisierungskritisch:

"Entschuldigung, ein Unternehmen, das stolz darauf ist, in über 100 Länder zu exportieren, nichts dagegen hat, wenn seine Produkte in der Antarktis und im Weltall verzehrt werden, entdeckt auf einmal nach 30 Jahren Produktion, dass die 500 Kilometer von Bonn nach Zwickau zu weit sind. Etwas ernsthafter an Kommunikation hätte man sich da von Haribo wirklich erwarten können."

Detlef Müller (SPD): Verhalten von Haribo ist eine Sauerei – Aber wir sind nicht im Jammertal

Der SPD-Abgeordnete für Chemnitz, Detlef Müller, nannte das Verhalten von Haribo kurz und bündig eine Sauerei. Und das nach 30 Jahren vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der Belegschaft, nach 30 Jahren, in denen mit der Produktion in Wilkau-Haßlau immer Geld verdient wurde, bei gleichbleibend hoher Qualität. Ganz offenkundig sei Ostdeutschland immer noch nur die verlängerte Werkbank des Westens und ostdeutsche Standorte immer noch nicht mehr als eine Filiale, klang Detlef Müller beinahe verbittert.

Aber dann drehte er sich in Richtung Linksfraktion und sprach die dort sitzende Abgeordnetenkollegin Sabine Zimmermann direkt an:

"Wir befinden uns nicht in der Nachwendezeit, wir sind nicht im Jammertal, auch wenn die Kolleginnen und Kollegen der Linken das gerne so tun. Der Osten ist wirtschaftlich stärker geworden, Sachsen hat sich als Industrieregion im wiedervereinten Deutschland etabliert, die Arbeitslosenzahlen haben sich weit mehr als halbiert, die Wirtschaftsleistung weit mehr als verdoppelt, gehört zur Wahrheit dazu."

Claudia Müller (Bündnis 90/Die Grünen): Mitarbeiter früher einbinden, hätte vielleicht geholfen

Auch die Grünen kritisierten im Wesentlichen die gleichen Fakten wie die Linkspartei, die diese Aktuelle Stunde beantragt hatte. Claudia Müller, die für Bündnis 90/Die Grünen zur Bundestagswahl im Wahlkreis 015 (Vorpommern-Rügen – Vorpommern Greifswald I) angetreten ist, jener Wahlkreis, dem Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr CDU-Direkt-Bundestagsmandat verdankt, nannte die Schließung des Haribo-Werkes in Wilkau-Haßlau „außerordentlich kalt“ und „verheerend“. Der Fall Haribo sei ein weiteres Beispiel für eine nicht funktionierende Förderpolitik, die in diesem konkreten Fall zusammenfiele „mit Missmanagement und kurzsichtiger Profitgier“.

"Vielleicht hätte es geholfen, wenn man die Mitarbeiterinnen bzw. deren Vertretung frühzeitig und auf Augenhöhe mit in Entscheidungsprozesse einbezogen hätte. Vielleicht wären so Konzepte entstanden, die den Standort gerettet hätten und Haribo insgesamt gestärkt hätten."

Müller wiederholte im Bundestag die Vermutung vieler Menschen, dass Haribo schlicht und ergreifend nur dem nächsten Fördertopf hinterherziehe. Denn während in Sachsen etwa eine halbe Million Euro vom Staat spendiert wurde, kann Haribo am zukünftigen Standort in den USA mit satten 18 Millionen US-Dollar rechnen.

Haribos Internetseite kennt Wilkau-Haßlau nicht

Dass Haribo eine mindestens eigenartig zu nennende Vorstellung von Krisenkommunikation hat, mag dieses kleine Detail verdeutlichen. Wer auf der Internetseite des Unternehmens den Suchbegriff „Wilkau-Haßlau“ eingibt, erhält drei Suchresultate – in den Rubriken a) Fragen und Antworten, b) Jobs und c) Sonstige. In der Rubrik Fragen und Antworten wird der Besucher begrüßt: „Manche Fragen sind einfach zu gut, um sie nicht zu stellen“. Wer eine Frage zu Wilkau-Haßlau erwartet, wird enttäuscht. Haribo findet eine Frage wie „Kann ich mir bei Haribo das Goldbären-Kostüm ausleihen?“ wichtiger. In der Rubrik Jobs wird „Professionals“ geraten: „Gestalten Sie den Erfolg mit“. Und unter „Sonstige“ offeriert uns Haribo als Suchergebnis für den Begriff „Wilkau-Haßlau“: Stores – Ein Einkaufserlebnis für die ganze Familie.

Ob die Familien der 130 ehemaligen Haribo-Beschäftigten in Wilkau-Haßlau das als Zynismus betrachten, ist nicht bekannt."

Quelle: SNA News (Deutschland)

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