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Liebe geht DOCH durch den Magen: Von Fischen, Zwiebeln und Metaphern

Archivmeldung vom 15.03.2014

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 15.03.2014 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Grafik: Herbert Jost-Hof
Grafik: Herbert Jost-Hof

Es gibt ja Kinder, die einfach unkompliziert sind und alles essen. Dann gibt es wieder die, die fürchterlich mäkelig sind mit allem, was sie zu sich nehmen. In vielen Fällen verwächst sich das mit dem Alter. Doch in manchen Fällen braucht es schon etwas mehr als nur erwachsen zu werden.

Du warst bereits als Kind ein „Schnäuber“. Zumindest sagte das Deine Tante Agnes (mit deutlichem Missfallen, wie ich hinzufügen möchte) und die musste es ja wissen. Schließlich wurdest Du hin und wieder bei ihr geparkt, wenn Deine Eltern keine Zeit hatten, sich um Dich zu kümmern und auch Dein ob der häufigen Fürsorge für Deine Person durchaus bemittleidenswerter Bruder nicht zur Verfügung stand.

Am Anfang hatte sich deine Tante noch Mühe gegeben und Dinge für Dich gekocht, von denen ihre Schwester, Deine Mutter also, geschworen hatte, Du würdest sie nicht nur mögen sondern LIEBEN. Dummerweise war ihr dabei entgangen, dass Du diese Gerichte nur mochtest, wenn SIE sie zubereitete. Überhaupt mochtest Du ausschließlich das, was Deine Mutter kochte – und davon nicht einmal alles.

Jedenfalls war Tante Agnes irgendwann frustriert gewesen, weil sie all diese sicherlich leckeren Sachen schlichtweg nicht in Deinen Schlund befördern konnte. Dabei gabst Du Dir stets mit ihr, wie auch mit Deinen Großmüttern und anderen Köchinnen, die nachweislich nicht Deine Mutter waren, alle Mühe, nett zu sein und sie durch Dein mäkeliges Gehabe nicht vor die teilweise bereits in Ehren ergrauten Köpfe zu stoßen.
Es war ja NICHT so, dass Du GAR NICHTS von dem gegessen hättest, was sie Dir vorzusetzen pflegten. Nein, Du nahmst immer brav eine Gabel oder einen Löffel voll davon, würgtest es irgendwie hinunter und sagtest dann mit aller kindlicher Höflichkeit, derer Du fähig warst: „Das schmeckt sehr gut. Aber ich kann nicht mehr.“

Eigentlich war das eine wirklich klare Ansage und Du fühltest Dich immer völlig missverstanden und in höchstem Maße genervt, wenn dann – was oft geschah – die betreffende Köchin diesen ebenso idiotischen wie sinnlosen Versuch unternahm, durch die Beschwörung von nahen Verwandten und geliebten Haustieren mehr von ihren Kochergebnissen in Dich zu zwingen: „Und einen Löffel für die Mama … oder für den Papa … oder für den … na, wie heißt nochmal Euer Kater?“
Der Kater wurde übrigens „Suserich“ gerufen, weil er Euch zugelaufen und zunächst als Katze missverstanden, daher „Susi“ getauft worden war, bis sich das wahre Geschlecht offenbarte. Doch was hatten er und Deine Eltern mit dem Zeug auf dem Teller vor Dir und Deiner Abscheu davor zu tun? Das alles waren nur miese Psychotricks, um Dich zu manipulieren. Aber darauf bist Du schon als Kind nicht hereingefallen. Und rückblickend fällt Dir dazu nur ein empörtes „Pfui!“ ein.

Trotz der deutlichen Veranlagung zu obsessiven Verhaltensweisen, die in Deiner Familie immer wieder einmal durchbrechen, ist während Deiner Kindheit erstaunlicherweise nie jemand in der Verwandtschaft auf die Idee gekommen, Listen über die Dinge anzulegen, die Du mochtest und die, mit denen nicht einmal Deine Mutter Dir kommen durfte.
Erstere zu schreiben hätte etwa zehn Sekunden gedauert – was erahnen lässt, dass Letztere zu verfassen ein wirklich zeitraubendes Unterfangen gewesen wäre. So war vielleicht das der Grund, warum es niemand versucht hat.
Bei allen Macken, mit denen Deine Verwandtschaft reichlich gesegnet war und ist, so gaga und von Selbsthass zerfressen ist dann doch keiner, sich eine solche Sisyphusarbeit anzutun. Denn obwohl es nur wenige Lebensmittel und Gerichte gab, die Du wirklich mochtest, war Dein Geschmack auch noch Schwankungen unterworfen. Deine arme Mutter konnte nie wirklich ganz sicher sein, womit sie Dich nun zum Essen bewegen konnte … naja, abgesehen von Schokolade und Kartoffelchips, die noch heute zu Deinen Grundnahrungsmitteln zählen.

Wobei an dieser Stelle noch gesagt werden muss, dass es Dir – etwa im Gegensatz zu Deinem Cousin Karsten – gelungen ist, nicht aus der Form zu geraten. Karsten ist allerdings auch selbstverständlich nicht zu schwer, sondern nur zu kurz geraten für sein Gewicht. An einem Zweimeterfünfzig-Mann würde es sich ziemlich ideal verteilen. Schade, schade, dass Karsten dazu gute achtzig Zentimeter Körpergröße fehlen.

Wie auch immer, Du bist kein Kind mehr. Und das, wenn man es genau betrachtet, schon eine ganze Weile nicht.
Zur Erleichterung aller Menschen, die heute für Dich kochen dürfen, gehörst Du nur noch bedingt in die Kategorie der „schwierigen Esser“. Du bist durchaus inzwischen gewillt, die meisten Speisen, die man Dir vorsetzt, auch zu essen und das sogar ohne irgendwelchen überflüssigen und beleidigenden Vorreden oder übellaunige Kommentare.

Trotzdem, so ein paar Dinge sind da noch immer, mit denen Du Dich nicht wirklich anfreunden kannst. Dazu gehört zum Beispiel Fisch. Es ist Dir dabei völlig egal, wie gesund er auch immer sein mag. Du hast die Vorstellung entwickelt, Fisch bestehe grundsätzlich aus extrem gut versteckten und absolut tödlichen Gräten und sei durchdrungen von Parasiten.
Woher diese Ideen genau stammen, kannst Du selbst nicht sagen. Aber schließlich ist es ohnehin komplett unfair und unsozial, Menschen nach den Ursprüngen ihrer Vorurteile zu fragen.

Auch Zwiebeln befinden sich nicht unter Deinen bevorzugten Lebensmitteln. Hierzu verweist Du stets auf die eindeutigen Aussagen von Werbespots für Pfefferminz-Dragees und Kaugummis, die doch ebenso eindeutig wie dramatisch belegen, dass der Verzehr (kann man hier von „Genuss“ sprechen?) von Zwiebeln nur einsam macht. Ein Schicksal, das Du keinem Menschen wünschst, schon gar nicht Dir selbst, Pfefferminz und Kaugummi hin oder her.

Wenn Du nun also nicht nur zugesagt hast, einer Einladung zu folgen, bei der Dich Heringssalat erwartet, der – wie aufgrund des Namens bereits zu erahnen ist – Fisch enthalten wird und höchst wahrscheinlich auch Zwiebeln, so ist das einigermaßen sensationell und somit in jedem Fall der Rede wert … weshalb Du es auch stolz Deinen allerbesten Freunden erzählt hast. Deren Vermutung, hinter dieser fast selbstzerstörerischen Absicht könne jener Wahn stecken, den man „Verliebtheit“ nennt, trifft tatsächlich ins Schwarze.

Zu welchen Opfern Menschen doch bereit sind, wenn es um die Liebe geht! Fast könnte man sagen, dass Du bereit bist, den metaphorischen Sprung über Deinen ebenfalls metaphorischen Schatten zu wagen … doch glücklicherweise weist die „Deutsche Gesellschaft zur Rettung der Metapher in Online-Kolumnen“ zu Recht darauf hin, dass das eine eher dumme Idee wäre. Also lassen wir es lieber und begnügen uns schlicht mit der Vorstellung, dass es wieder einmal einen Menschen so sehr erwischt hat, dass er weder Tod noch Teufel, weder Fisch noch Zwiebel fürchtet …

Liebe ist wirklich eine starke Macht. Und gibt es etwas Schöneres als ein Happy-End?

Text von Herbert Jost-Hof

Passend zur Kolumne von Herbert Jost-Hof folgen hier nun zwei Rezepte, eines davon vegan.

Heringssalat

Rezept für 4  Portionen
Zutaten

1 Pck. Fischfilet(s) (Sahneheringe)
6 m.-große Kartoffel(n), festkochende
4 kleine Rote Bete, vorgekochte
1 Apfel, roter (Brayburn)
1 kleine Zwiebel(n), rot
etwas Saft der Roten Bete
1/2 Becher Crème fraîche
Meersalz und schwarzer Pfeffer

Zubereitung:

Heringe, Rote Bete, rote Zwiebel würfeln und in einer Schüssel mit der Creme fraiche und dem Saft der roten Bete (ein paar Esslöffel, je mehr desto schöner die Farbe) vermischen, zudecken und im Kühlschrank kaltstellen.
Die Kartoffeln in Salzwasser gar kochen, ein bisschen abkühlen lassen, aber noch im heiß-warmen Zustand schälen, würfeln und unter den Salat mischen, mit Salz und Pfeffer abschmecken und sofort servieren.
Beim ersten Mal finde ich es lecker, wenn man ihn frisch auf den Tisch bringt, wenn die Kartoffelstücke noch etwas warm sind.
Aber der Salat schmeckt auch besonders gut, wenn er durchgezogen ist.

Arbeitszeit: ca. 20 Min.

Marinierte Zwiebeln 'Syrakuser Art'

Rezept für 4  Portionen
Zutaten

8 große Gemüsezwiebel(n)
1/8 Liter Olivenöl
2 EL Fenchelsamen
Kräutersalz
Balsamico

Zubereitung:

Die Zwiebeln ungeschält in 1 cm dicke Querscheiben schneiden (das Wurzelende und die Spitze vorher entfernen). Die Scheiben nebeneinander auf ein mit Olivenöl geöltes Backblech legen und mit Olivenöl, Fenchelsamen und etwas Kräutersalz bestreuen.

Das Ganze ca. 1/2 Stunde im vorgeheizten Backofen bei 185°C backen, bis die Zwiebeln gebräunt und weich sind (es kann gut sein, dass ein Blech bei der Zwiebelmenge nicht ausreicht). Das Blech aus dem Ofen nehmen und die Schale und alle hart gewordenen Teile von der Zwiebel entfernen.

Die Zwiebelscheiben vorsichtig mit einem Eierwender abnehmen und schuppenartig auf einem Servierteller anrichten. Die Zwiebelscheiben mit Balsamico beträufeln. Je nach Geschmack eine zuvor geschrotete Chilischote gleichmäßig darüber verteilen. Das Ganze kann bis zum Verzehr ca. 1-2 Nächte lang im Kühlschrank ziehen – aber nicht zu kalt servieren.

Arbeitszeit: ca. 40 Min.

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