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Drogeriemarktkette Schlecker bekommt härtere Konkurrenz zu spüren

Archivmeldung vom 09.02.2009

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 09.02.2009 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Oliver Randak

Noch ist die Drogeriemarktkette von Anton Schlecker auf Platz 1, was die Marktführerschaft betrifft. Die Frage ist, ob das Unternehmen seine Position halten kann. Konkurrenten wie DM oder Rossmann holen deutlich auf. Sie expandieren überregional und übernehmen mitunter sogar kleinere Ketten.

Steck deinen Kopf nicht zu weit aus dem Fenster, wir brauchen dich noch, wenn wir bei euch einen Betriebsrat gründen", ruft Achim Neumann in sein Handy. Wieder ein Anruf von einem Schlecker-Mitarbeiter, irgendwo aus Süddeutschland. Wieder ein neues Mitglied. "Mich sprechen jetzt ständig Leute an", erzählt der Verdi-Funktionär. "Die fürchten alle um ihren Arbeitsplatz." Neumann sammelt seine Truppen. Vor ein paar Tagen hat der Gewerkschafter einen Warnschuss abgegeben: 4000 Filialen der Drogeriemarktkette ständen vor dem Aus, 12.000 Arbeitsplätze seien in Gefahr, prophezeite Neumann in einem Interview. Seither wächst die Unruhe in den Geschäften, die bei Schlecker Verkaufsstellen heißen. Und Neumanns Handy klingelt immer öfter.

Wieder einmal geht es gegen Anton Schlecker, einen Erzfeind der Gewerkschaften. 1975 hat der Unternehmer aus dem schwäbischen Ehingen seinen ersten Discountmarkt eröffnet und seitdem Deutschlands größte Drogeriemarktkette aufgebaut. Auf dem Rücken der Beschäftigten, sagen Arbeitnehmervertreter wie Neumann. Die Bezahlung nach Tarif haben sie Schlecker abtrotzen müssen, seit Jahren kämpfen sie verbissen um jeden Betriebsrat. Nun beobachten sie, wie Schlecker die Absprachen unterwandert. Im Eiltempo schließt die Firma alte Verkaufsstellen und eröffnet neue Märkte: in zentralen Lagen, heller, schöner, größer. Und mit Verkäuferinnen, die gerade mal halb so viel verdienen wie die Kolleginnen in den übrigen Filialen.

Der Druck auf Schlecker wächst. Lange setzte der Ehinger die Trends, trieb die Branche vor sich her, trug das Billig-Drogeriegeschäft in die hintersten Winkel der Republik. Baute mit seinen engen, zugestellten Läden in städtischen Nebenlagen oder auf dem platten Land, mit begrenztem Sortiment und sparsamem Personaleinsatz ein Imperium auf, zu dem zu Hochzeiten in Deutschland 11.000 Filialen gehörten.

Doch inzwischen kommt Schlecker nur noch jenseits der Grenzen voran. Zu Hause laufen ihm die Kunden davon, kaufen lieber in den übersichtlichen Geschäften der Konkurrenz, die mehr Auswahl bieten. Während Rossmann oder DM ihr Sortiment um Wellness-Artikel oder Bioprodukte erweiterten und mit Eigenmarken die Kundenbindung erhöhten, fehlte in den beengten Schlecker-Lädchen schlicht der Platz für Innovationen. "Diese Weiterentwicklung hat Schlecker versäumt - die Filialen sehen überwiegend noch so aus wie vor zehn Jahren", sagt Mirko Warschun, Partner bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney.

Die Wettbewerber haben so den Abstand zum Marktführer stark verkürzt: Die DM-Drogeriemärkte steigerten den Umsatz in Deutschland von 2006 bis 2008 um 24 Prozent, Rossmann gar um 31 Prozent. Schlecker gingen nach Schätzungen von Branchenbeobachtern im gleichen Zeitraum mehr als fünf Prozent der Inlandserlöse verloren. Schleckers schärfste Rivalen haben ihre regionale Beschränkung aufgegeben und bauen ihr Netz inzwischen bundesweit aus. Kleinere Anbieter wurden im Zuge der Konsolidierung geschluckt. Von zehn Drogeriemarktketten, die es 2007 noch gab, sind fünf übrig geblieben.

Rossmann drängt aus dem Norden in die neuen Bundesländer und hat 2008 seine Position mit der Übernahme des kleineren Wettbewerbers Kloppenburg ausgebaut. Die von Karlsruhe aus operierende DM-Kette ist inzwischen bis nach Bremen vorgestoßen. "Schleckers Vertriebskonzept funktionierte, solange es wenig Konkurrenz gab", sagt Handelsexperte Thomas Roeb von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg. "Mit der Expansion von Rossmann und DM ist die Luft für Schlecker dünn geworden. Wenn die im gleichen Tempo weiter expandieren, sind sie in ein paar Jahren gleichauf."

Überdies muss Schlecker sein Image als billigster Anbieter von Schauma und Spüli verteidigen. Im Vergleich mit den direkten Rivalen kann der Marktführer kaum noch mithalten. Günstige Markenartikel finden sich immer öfter bei der aufstrebenden Konkurrenz. "Für die Lieferanten ist die Wachstumsstory wichtig", sagt Berater Warschun. "Promotionen oder Markteinführungen neuer Produkte machen die Hersteller lieber mit dem erfolgreichen Spieler."

Zugleich brechen die Lebensmitteldiscounter zunehmend in das Revier der Drogisten ein. So haben Aldi und Lidl ihr Non-Food-Angebot ausgebaut und können dank ihrer Verhandlungsmacht beim Einkauf mit Dauerniedrigpreisen antreten.


In der Schlecker-Zentrale gibt man sich zugeknöpft. Interviewwünsche werden ausgeschlagen, in dürren Mitteilungen müht sich die Pressestelle, Krisenmeldungen zu zerstreuen. Verdis Warnung vor Filialschließungen und Entlassungen sei "völlig aus der Luft gegriffen" und nur dazu geeignet, die Verunsicherung in der Belegschaft zu schüren. Eine Schlecker-Betriebsrätin, die ihren Namen aus Angst vor Repressionen nicht in der Zeitung lesen will, macht sich dagegen keine Illusionen: "Viele Verkaufsstellen werden wohl nicht zu retten sein."


 

Branchenexperten räumen der klassischen Schlecker-Filiale in der Peripherie ebenfalls nur wenig Überlebenschancen ein: Selbst in der typischen Konstellation mit einer Ganztagskraft und zwei Teilzeitkräften, von denen jeweils nur eine zurzeit im Laden ist, lassen sich die weniger als 200 Quadratmeter großen Läden kaum wirtschaftlich betreiben. "Schlecker kann bei der Flächenproduktivität nicht mithalten, die Filialen haben eine geringere Kundenfrequenz und einen niedrigeren Umsatz pro Kassenbon als die der Wettbewerber", sagt Berater Warschun. Gemessen am Erlös pro Filiale sind die Rivalen mit ihren zumeist rund 600 Quadratmeter großen Läden in Einkaufsstraßen oder an Bahnhöfen deutlich produktiver. So lagen die Durchschnittsumsätze von Rossmann im vergangenen Jahr bei gut 1,9 Mio. Euro, in den DM-Drogeriemärkten waren es 3,3 Mio. Euro, in den Kaufhäusern der süddeutschen Müller-Kette gar 4,6 Mio. Euro. Schleckers Durchschnittserlös fiel dagegen trotz des Zukaufs der rund 700 größeren Märkte des Wettbewerbers auf weniger als 550.000 Euro. Zahlreiche Verkaufsstellen kommen gar nur auf die Hälfte dieser Summe. "Schlecker muss die Notbremse ziehen", sagt der Bonner Handelsexperte Roeb.

"Wir haben Fehler gemacht", bekannte Anton Schlecker bereits vor einem Jahr, forcierte die Expansion im Ausland, stieg ins Großhandelsgeschäft ein, baute den Onlineversand von Drogerieartikeln und Arzneimitteln aus. Doch die Hoffnung, mit einer Freigabe des Pharmavertriebs den Apotheken Konkurrenz zu machen und mit dem Verkauf preisgünstiger Medizin sein Kerngeschäft in Minifilialen zu stärken, zerplatzte im Dezember: Im derzeit vor dem EU-Gerichtshof laufenden Verfahren zur Liberalisierung des Arzneimittelhandels plädierte der Generalstaatsanwalt für den Erhalt des Privilegs der deutschen Apotheken. Eine davon abweichende Entscheidung des Gerichts gilt nun als wenig wahrscheinlich.

So bleibt nur, den Ausbau der sogenannten XL-Filialen voranzutreiben. Immerhin sitzt Schlecker nach Einschätzungen von Branchenkennern auf einem komfortablen Eigenkapitalpolster und verfügt damit über genug Mittel, die Investitionen trotz Finanzkrise zu stemmen.

"Revolutionär" sei das neue Konzept, heißt es in der internen Schlecker-Kommunikation, in "entspannter angenehmer Einkaufsatmosphäre" solle der Kunde zu "emotionalen Impulskäufen" angeregt werden. Emotion in einem Schlecker-Laden? "Schauen Sie sich mal die Filiale am Großen Burstah in Hamburg an!", forderte der Firmenchef Anfang 2008 in einem seiner seltenen Interviews seine Gesprächspartner auf.

Doch Anton Schleckers schöne neue Einkaufswelt in der Hamburger Innenstadt kommt trotz des um Schlemmergulasch und Wischmopp erweiterten Sortiments immer noch trist daher. Ob es damit gelingt, den Rivalen Kunden abspenstig zu machen und all jene zu binden, die mit dem blauweißen Drogeriemarkt um die Ecke ihren Nahversorger verloren haben, erscheint fraglich. "Der Schlecker-Kunde ist weniger treu als der von Rossmann oder DM", warnt ein Branchenkenner.

Schlecker lässt sich nicht beirren und zieht beim Abbau der Filialen das Tempo an. "In meinem Bereich wird inzwischen jeden Monat eine Verkaufsstelle zugemacht", berichtet die Schlecker-Betriebsrätin. Besonders Märkte mit weniger als 24.000 Euro Monatsumsatz seien in Gefahr. "Kommt ein XL-Laden, müssen in der Umgebung vier bis fünf Läden schließen", rechnet Verdi-Funktionär Neumann vor. Und nachdem Schlecker zunächst die Eröffnung von 150 Großfilialen im laufenden Jahr geplant hätte, sei nun im Management von mehr als 500 neuen Läden die Rede.

Für den Gewerkschafter ist das eher ein Albtraum als ein Hoffnungsschimmer in der Krise. Denn solange der Umsatz nicht anzieht, verlegt sich Schlecker auf das, was er am besten kann: Kosten drücken. So würden den Bewerbern bei Neuanstellungen Verträge mit einem Stundenlohn von 6,50 Euro angeboten, der Tarifvertrag sieht zwischen 7 und 9,50 Euro vor. Vor allem in den mehr als 200 der insgesamt 327 Schlecker-Bezirke ohne Betriebsrat gebe es aus der Belegschaft nur wenig Gegenwehr.

Für die XL-Märkte sei sogar eine Tochter gegründet worden, die anders als die Mutter nicht der Tarifbindung unterliege. Wer in den alten Filialen seinen Job verliere, könne sich dort zu schlechteren Bedingungen bewerben. Nach den Erfahrungen der letzten Tage gibt sich der Verdi-Mann dennoch zuversichtlich: "Der Organisationsgrad steigt", sagt Neumann und hofft auf weiteren Zulauf: "Um einen Haustarif durchzusetzen, wäre dann sogar ein Streik möglich."

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