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Notenbanken im Dilemma

Archivmeldung vom 01.10.2022

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 01.10.2022 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt

Eine turbulente Woche liegt hinter den Akteuren an den Finanzmärkten. Aufgrund der sich immer mehr eintrübenden wirtschaftlichen Aussichten in vielen europäischen, aber auch außereuropäischen Ländern gingen Aktien in die Knie, ablesbar zum Beispiel am Dax, der unter die Marke von 12 000 Zählern abschmierte. Die Renditen der britischen Staatsanleihen (Gilts) gingen durch die Decke: So stieg etwa der Satz 30-jähriger Gilts zum ersten Mal seit dem Jahr 2002 auf über 5 %. Auch in anderen Laufzeitenbereichen wies der Trend deutlich nach oben. Ausgehend vom britischen Staatsanleihenmarkt zogen auch die Renditen der Bundesanleihen an. Deutlich über 2 % etablierte sich die zehnjährige Bundrendite.

Auslöser der Turbulenzen bei britischen Assets waren die Pläne der neuen britischen Regierung für Steuersenkungen und Entlastungen für Verbraucher und Unternehmen in Milliardenhöhe. Das weckte unter Investoren ernst zu nehmende Zweifel an der Finanzierung der Projekte und sorgte auch am Devisenmarkt für erhebliche Verunsicherung. Großbritanniens Währung sackte auf ein Allzeittief von 1,0327 Dollar. Damit kam die Parität beim Pfund Sterling in Sichtweite. Und ein Ende der erheblichen Nervosität ist an den Märkten nicht zu erwarten, sondern eher, dass sich die Lage womöglich noch zuspitzen könnte, insbesondere aus Sicht des Rentenmarktes.

Die großen Notenbanken - und nicht nur sie - befinden sich im Kampf gegen die Inflation. Das bedeutet spürbare Zinserhöhungen. Auf der einen Seite werden die Leitzinsen in vielen Währungsgebieten angehoben. So auch in Großbritannien. Das führt auch am Staatsanleihenmarkt zu Renditeanpassungen nach oben. Und genau das treibt zumindest mal den britischen Währungshütern die Sorgenfalten auf die Stirn. Zum QT (Quantitative Tightening) kommt nun wieder das QE. Seit der gerade abgelaufenen Woche kauft die Bank of England (BoE) Staatsbonds mit langer Laufzeit. Der Zweck dieser Käufe bestehe darin, wieder geordnete Marktbedingungen herzustellen, so die Begründung. Die BoE will bis zum 14. Oktober so viele Anleihen wie nötig erwerben, um den Finanzmarkt zu stabilisieren. Sollte das Nichtfunktionieren des Marktes allerdings anhalten oder sich sogar noch verschlechtern, würde ein erhebliches Risiko für die britische Finanzstabilität bestehen. Finanzierungsbedingungen würden sich verschlechtern, die Kreditvergabe würde zurückgehen.

Leitzinsen rauf, um Inflation in den Griff zu bekommen, Marktzinssätze in Form von risikolosen Bondrenditen wiederum nach unten drücken, um die Wirtschaft nicht abzuwürgen. Mit Verlaub: Man darf nicht böse sein, wenn manchem Marktakteur bei dieser Vorgehensweise Begriffe wie kopflos oder verzweifelt in den Sinn kommen. Aber es zeigt eben auch, dass es kein Patentrezept in dieser Situation gibt, und es demonstriert auch das ganze Dilemma, in dem sich die Notenbanker derzeit nach weitgehender Pandemiebekämpfung mit allen wirtschaftlichen Auswirkungen­, Ukraine-Krieg, damit einhergehender Energiekrise und den sich immer mehr eintrübenden wirtschaftlichen Perspektiven befinden. Gewiss keine leichte Situation.

Aber auch in den Reihen der EZB werden erste Töne laut, die in das bisherige Konzert nicht so richtig reinpassen. Die EZB sollte aus Sicht von Portugals Notenbank-Chef Mario Centeno die Leitzinsen nicht zu schnell anheben, da sonst die Wirtschaft übermäßig belastet wird. "Das könnte die Investitionen in einer Zeit dämpfen, in der wir dies dringend brauchen", sagte er auf einer Konferenz in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Zu schnelle Anhebungen der Zinsen könnten zudem dazu führen, dass die Notenbank womöglich später bei den Zinsen zurücksteuern müsse. Hört, hört!

Und in der Tat könnten die höheren risikolosen Zinssätze zur Belastung werden. Und da ist an zwei Lager zu denken. Gerade die Länder der Eurozonenperipherie könnten die hohe Zinslast bei ihrer Verschuldung ganz kräftig zu spüren bekommen und das Klagelied anstimmen. Die Staatsschuldenkrise der Eurozone ist sicher noch so manchem in Erinnerung. Und wenn Unternehmen aufgrund der aufziehenden Rezession die Erträge und auch Gewinne wegbrechen, sind sie sicher nicht über höhere Refinanzierungskosten an den Bondmärkten erfreut. Das erschwert die Lage für viele zusätzlich über die Funding-Seite. Wer weiß, vielleicht ist der jetzige Vorstoß der BoE auch ein Beispiel dafür, was die Akteure in der Eurozone erwartet. Die Bondkäufe könnten auch durchaus wieder sehr viel umfangreicher werden, wenn die Lage aus dem Ruder läuft. Beruhigend ist irgendwie anders.

(Börsen-Zeitung, 1.10.2022)

Quelle: Börsen-Zeitung (ots)

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