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Das Imperium schlägt zurück

Archivmeldung vom 15.05.2021

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 15.05.2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić

Der folgende Beitrag wurde vom Schriftsteller Zoltán Wodianer-Nemessuri in der Zeitung "Ungarn Real" geschrieben und von Sophia Matteikat im Magazin "Unser Mitteleuropa" ins deutsche übersetzt: "Erste These: Niemand ist für die Taten seiner Vorfahren verantwortlich (weder für die schlechten noch für die guten). Zweite These: Kein Land ist für die Politik verantwortlich, die seine Regierungen Jahrhunderte oder Jahrzehnte zuvor betrieben haben. Auch dann nicht, wenn diese mit der Zerstörung des Staates – sei es ein sklaventreibender, ein kommunistischer oder ein nazistischer – und mit dem Tod zehntausender Menschen einherging. Dritte These: Die Zeit vergeht, aber historische Referenzen und Assoziationen nicht."

Wodianer-Nemessuri schreibt weiter: "So steht es mit der Großreichtradition und ‑mentalität, von der sich Europa nach dem Römischen Reich, dem Heligen Römischen Reich deutscher Nation und der neuzeitlichen Kolonisation noch immer nicht befreien kann. Und das trotz dessen, dass selbst die am längsten bestehenden Reiche in Eroberungskriegen, Plünderungen, schweren wirtschaftlichen und kulturellen Rückschritten und schließlich dem Zusammenbruch endeten. Blutig geschmiedet und blutig zerfallen. Einen bleibenden Wert schufen erst die Nationalstaaten, große und kleine gleichermaßen. Das Großfürstentum Toskana, die Republik Venedig, der Kirchenstaat, Frankreich, England, Irland, die Niederlande, Polen oder Ungarn bauten sich auch dann eine eigene Kultur auf, als sie noch um ihre bloßes Bestehen kämpfen mussten. Sie beeinflussten einander, verloren dabei aber nicht ihren Charakter. Sinnvolle Kooperation ist eine Sache, politisch-ökonomischer Zwang eine andere.
Die Lehren der entstehenden, dahinsiechenden und sich auflösenden Reiche werden gerade deshalb immer wieder aktuell, weil zu viele selbst aus der nahen Vergangenheit nicht lernen.

Seit geraumer Zeit versuchen viele Leiter und Wortführer der Europäischen Union, eine totale Einheit zu erzwingen, für die keine einzige Voraussetzung gegeben ist. Verschiedene Sprachen, unterschiedlich weit entwickelte Volkswirtschaften, andere geografische Begebenheiten, Mentalitäten, geschichtliche und kulturelle Gewohnheiten und Sitten, das sind alles Faktoren, von deren Überwindung der Kontinent weit entfernt ist. Trotzdem ist die politische Bühne größtenteils bestimmt von verlogener juristischer und sehr realer finanzieller Erpressung, kleinlichen Deals, sich von Zyklus zu Zyklus durchschlagenden Zwergparteien und ungebildeten Figuren. Was ist für sie schon ein Brexit, eine Pandemie, die katastrophale Verschuldung der südeuropäischen Länder oder die unkontrollierte Migration?
Ihr Problem ist die gefährdete ungarische Rechtsstaatlichkeit, ganz genau Viktor Orbán, der alte Fuchs der internationalen Politik, der zu vernünftig ist, kennt sich auf der politischen Bühne wohl aus.

Er wird überall attackiert, er muss unbedingt von der europäischen (sogar Welt-) Politik entfernt werden. Es gibt einige „nützliche Idioten” die in der EU, im Parlament gegen Orbán arbeiten, zB seine Landsdamen (die drei Grazien: Cseh, Donáth, Dobrev), dann die EU-Kommissarin Věra Jourová, der beleidigte Manfred Weber oder der „Christdemokrat” Othmar Karas von der österreichischen Volkspartei.

In Österreich, dem Heimatland Karas’, mangelt es nicht an Großreich-Tradition. In den Fieberträumen einiger Politiker dauert seine Aktualität bis heute an und reicht über ganz Europa hinweg. 1919 fürchtete die sozialdemokratische Renner-Regierung eine Machtübernahme der Kommunisten und – wie schon in Ungarn geschehen – eine Ausbreitung des sowjetischen Einflusses bis nach Österreich. Dennoch wurden nach dem Fall der Räterepublik die flüchtenden bolschewistischen Führer aus Ungarn sogleich aufgenommen. (Das „rote Wien” – Koalitionsregierung von SPÖ und NEOS hin oder her – ist nach wie vor keine Überraschung.)

Der Einzug Adolf Hitlers in Wien wurde von anderthalb Millionen Menschen gefeiert. Von den Befehlshabern der kämpfenden deutschen Wehrmacht abgesehen haben sich nicht wenige Österreicher den Gewaltorganisationen der Nazis angeschlossen. Unter ihnen waren der Hauptverantwortliche für die Deportation der Juden, Adolf Eichmann, der SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner, der das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) leitete, und nicht zuletzt Seyß-Inquart, der Statthalter, der die Verschleppung der holländischen Juden und die Zwangsarbeit von Hunderttausenden organisierte.

Karas hat also – wenn auch in weitaus geringerem Maße – etwas, worauf er sich berufen kann. Sein Land musste die Schreckensherrschaft der ÁVO (der ungarische Stasi) zum Glück nicht erleben, doch auch trotz mangelnder Geschichtskenntnis hätte der gute Mann wissen können:
Sowohl bewaffnete als auch unbewaffnete Tyrannei beginnt mit wunderhaften Visionen und schönen Worten.

Der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei, Manfred Weber, äußert sich mal so und mal so, unter anderem folgendermaßen: „Der Hauptgegner ist das Gespenst des Nationalismus.” Außerdem: „Die Nationalstaaten können nur in einem vereinten Europa stark sein.” Zuletzt hatte er dem britischen Regierungschef Boris Johnson mit eleganter Einfachheit hingepfeffert: „In der heutigen Welt gibt es keine nationale Souveränität. Auch nicht für große Länder in Europa.”

So werden Fünfe gerade.

Von der geschichtlichen Assoziation – sowohl auf das Heilige Römische Reich, als auch auf das Dritte Reich – abgesehen richtet sich Herr Weber an das Großbritannien, das über Jahrhunderte ein wahrhaftes, sich über mehrere Erdteile erstreckendes Großreich erschaffen und damit – unter anderem – die Weltherrschaft der englischen Sprache begründet hat. Heute war es jedoch dabei, aus einem wachsenden Reich auszutreten. Der gute Herr Weber und seine Gesinnungsgenossen agieren im Namen eines imaginären Europas, das mehr als ein geografisches Konzept ist.

Ihr Ziel ist vielmehr die Durchsetzung bloßer wirtschaftlicher Interessen, die Disziplinierung von durch ein halbes Jahrhundert kommunistischer Schreckensherrschaft geplagten Ländern durch rechtliche Kunststücke, die Verkümmerung der nationalen Kulturen und die Zusammendrängung devianter Minderheiten mit der riesigen Mehrheit, wie gewohnt im Namen einer „besseren Zukunft”.

Wo ist die harmonisch wetteifernde Vielfarbigkeit der EU geblieben, und ihr ursprüngliches, wahrhaft demokratisches Ziel, die Subsidiarität, nach der Entscheidungen auf der den Bürgern am nächsten stehenden Ebene getroffen werden sollten? Stattdessen fördert und finanziert die EU die Gründung von „Nichtregierungsorganisationen”, die von niemandem gewählt werden, um die ihr unleidigen Regierungen zu destabilisieren. Das Phänomen Soros ist bloß die Spitze des Eisbergs. Der sogenannte Deep State bringt sowohl in Übersee als auch in Europa derart enorme Ressourcen in Stellung, dass die (bisher noch souveränen) Staaten mit ihnen nur mit Müh und Not den Kampf aufnehmen.

Es wird von freier Presse, Staatsanwaltschaft, Gerichten usw. gepredigt, und zwar da, wo all dies von den Großkapitalisten und den aktuellen politischen Machtgefügen abhängt.

Die Gunst des Volkes ist wechselhaft, doch die mit Geld, vor allem mit viel Geld unterstützten Interessen sind es nicht. Überall auf der Welt werden Wahlen stärker von den Massenmedien beeinflusst als von der Wirklichkeit. Die vom Großkapital an der Leine gezerrten Mainstream-Nachrichten verfolgen keine erklärten nationalen Ziele oder intelligente internationale Zusammenarbeit, sondern die Interessen der Großen gegenüber den Kleinen und Kleinsten. Mit anderen Worten, eine Erneuerung des jahrtausendealten Kampfes um Seelen und die ungleiche Verteilung von Ressourcen und Gütern.

Das unabhängige Ungarn hat seit seiner Gründung, seit tausend Jahren keine Eroberungskriege angefangen und an keinen dynastischen Kämpfen teilgenommen. Es hat sich lediglich verteidigt, um zu bewahren, was es über ein Jahrtausend hinweg aufgebaut hat. König Koloman, der Buchkundige (1095–1116), rief vor 900 Jahren ungarisch-kroatische Personalunion ins Leben, die 900 Jahre lang, bis zum 1920 Bestand hatte, nach gemeinsamem Beschluss der zwei Parteien. 1335 organisierte König Karl I. Robert (1310–1342) das Visegráder Königstreffen mit dem Ziel, die Feindseligkeiten zwischen Böhmen und Polen zu beenden und eine fruchtbare Kooperation zwischen den drei Ländern zu begründen.
Hinsichtlich unserer Geschichte ist es (auch) deshalb missfällig, dass uns diejenigen über Rechtsstaatlichkeit belehren, bei denen die Lehrmaterialien in der Schule, die Erinnerungen der unmittelbaren Vorfahren sowie die glorreiche Vergangenheit alle aus Eroberungen und Großreichen entspringen.

Quelle: Unser Mitteleuropa

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