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Berliner Morgenpost: Gebete und Gesetze helfen nicht weiter

Archivmeldung vom 17.05.2010

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 17.05.2010 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt

Seit dem 20. April blutet Rohöl aus der Bohrwunde im Golf von Mexiko. Zwischen 200.000 und zwei Millionen Liter täglich ergießen sich aus dem Loch in 1500 Meter Tiefe. Jeder weiß inzwischen, wie brandgefährlich Tiefseeförderung ist, wie nahe am Glücksspiel. Bestürzender als BPs vergebliche Abdichtungsversuche ist jedoch die Ohnmacht der Supermacht USA, die nicht mehr tun kann, als Gebete und strengere Gesetze auf den Weg zu schicken.

Manche nennen die Havarie der "Deepwater Horizon" das "Tschernobyl der Ölförderung". Andere erinnern an die abgebrochene Mondmission von "Apollo 13" im April 1970. Der Vergleich mit den Pionieren des Weltalls führt aber in die Irre. Die Ölkonzerne haben nicht den großen Schritt für die Menschheit im Sinn - das müssen sie auch nicht. Ihr Vorstoß an die Grenzen des technisch Machbaren (und jenseits des Beherrschbaren) dient dem Gewinnstreben, nichts sonst. Die Regierung muss das Gemeinwohl im Auge haben, nicht der Konzern. Was der US-Admiral Thad Allen "die Tyrannei der Tiefe" nennt, ist eine selbst gewählte Tyrannei. Niemand muss sich ihr beugen. Fest steht nach den Anhörungen im US-Kongress, dass die Regierung ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen ist. Sei es aus kungelnder Nachlässigkeit, sei es aus dem Unvermögen der Behörden, Tiefseebohrungen zu kontrollieren oder in allen technischen Details zu erfassen. Das zuständige Amt zur Verwaltung der Bodenschätze vertraute BP blind. Aber für die Konzerne ist es billiger, Unfälle und Strafgebühren zu riskieren, als in Sicherheitssysteme zu investieren. Präsident Barack Obama gab unter dem Eindruck der Anhörungen erzürnt zu, das Kontrollsystem habe "versagt, schlimm versagt". Er werde dafür sorgen, dass es mit der "gemütlichen Beziehung" zwischen Staat und "Big Oil" ein Ende habe. Aber vorerst schaudern die Amerikaner ob des Versagens ihrer Behörden und ihres Parlaments. Man muss keinen Verschwörungstheorien anhängen, um beklemmende Gemeinsamkeiten mit der Kasinomentalität von Bankern an der Wall Street zu erkennen. Der Staat ist Zuschauer - am Ende bestenfalls Großsanierer. Im US-Senat ist ein Eilgesetz anhängig, das den maximalen Schadenersatz für Umweltsünden auf zehn Milliarden Dollar anheben will - statt der lachhaften 75 Millionen Dollar, die heute gelten. Präsident Obama versäumt keine Gelegenheit zu versichern, BP werde die Rechnung für die Ölpest begleichen. Doch die Menschen in Louisiana, durch das Versagen des Staates nach dem Hurrikan "Katrina" auf schmerzhafte Weise klug geworden, setzen eher auf BP als auf den Präsidenten. Noch ist ungewiss, ob das Öl in schwarzen, zähen Wellen an den Strand schwappt oder ob es auf den Meeresboden sinkt und dort die Nahrungskette auf Jahre verseucht. Die Tyrannei der Tiefe hat erst begonnen.

Quelle: Berliner Morgenpost

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