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Eine Frage der Perspektive

Archivmeldung vom 21.01.2020

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 21.01.2020 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Andre Ott

Angela Merkel kann stolz nach Davos reisen. Pünktlich zum Klassentreffen der Elite aus Politik und Wirtschaft, dem Weltwirtschaftsforum, hat der Datenanbieter Bloomberg Deutschland zum Innovations-Weltmeister gekürt. Im "Bloomberg Innovation Index 2020" hat die Bundesrepublik Südkorea von der Spitze verdrängt.

Das ist aller Ehren wert, zumal die Bloomberg-Ökonomen nicht im Verdacht stehen, der Bundesregierung Gefälligkeitsgutachten auszustellen. Doch blenden lassen sollte man sich davon nicht. Innovation, das klingt nach Fortschritt und Wohlstandsversprechen. Aber auch reichlich unspezifisch. Für Bloomberg ist es ein Sammelbegriff aus sieben Kategorien. Dass Deutschland in der Summe vorn liegt, verdankt es vor allem drei Kategorien: Bei Hightech-Dichte und Patenten sieht Bloomberg Deutschland auf Rang 3.

Die Deutschen sind hervorragend darin, brillante Ideen zu Papier zu bringen. Nur, und das bleibt in dem Ranking außen vor: Es hapert an der Kommerzialisierung, an Wagniskapital ebenso wie an Gründergeist. Laut Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ist die Zahl der Unternehmensgründungen seit Jahren rückläufig. CSU-Politiker fordern jetzt einen Innovationsfonds mit staatlich garantierter Verzinsung von zwei Prozent. So ehrenwert die Idee, so durchsichtig ihr Antrieb: Sie wollen die Deutschen nicht etwa zu einem Volk der Unternehmer machen, sondern die Sparweltmeister vor den Nullzinsen retten. Das ist nicht die Mentalität eines Innovations-Champions.

Bloomberg adelt die Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe. Doch der um sich greifende Protektionismus setzt der weltgewandten Industrie zu. Ein wesentlicher Teil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung, weiterer Ausweis von Innovationskraft, ist in der Autobranche gebündelt, die mit Milliarden zu kaschieren versucht, dass sie die Mobilitätswende verschlafen hat. Ein Klumpenrisiko, auch in Sachen Innovation.

Nichts sagt die Studie darüber, wie es um die Wettbewerbsfähigkeit bestellt ist. Kaum irgendwo zahlen Unternehmen so viel für Strom. Die Steuerlast wird durch die halbherzige Teilabschaffung des Solidaritätszuschlags kaum geringer. Der Fachkräftemangel ist ein Standortrisiko. Und in Sachen öffentliche Infrastruktur wie schnelles Internet in der Breite rangiert Deutschland unter ferner liefen. Sagt nicht Bloomberg, sondern: das Weltwirtschaftsforum in seinem jüngsten Global Competitiveness Report. Da ist Deutschland auf den siebten Platz der wettbewerbsfähigsten Länder zurückgefallen. Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots)  von Stefan Reccius


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