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Neue Identitäten

Freigeschaltet am 05.02.2020 um 06:04 durch Andre Ott

Klima-Proteste werden am Mittwoch das Bild rund um die Siemens-Hauptversammlung bestimmen. Greenpeace-Aktivisten haben am Vortag den Ton gesetzt, indem sie das Dach der Konzernzentrale in der Innenstadt besetzten und ein Transparent mit der Aufschrift entrollten: "Buschbrände beginnen hier".

Siemens setzte am Dienstagabend einen Kontrapunkt: Das Unternehmen steckt viel Geld in Siemens Gamesa und erhöht seinen Anteil an dem Spezialisten für Erneuerbare Energien. Der Minderheitsaktionär Iberdrola scheidet aus.

Dies zeigt: Siemens leistet sich nicht nur Fehler wie jüngst bei dem Geschäft mit dem Kohleminenbetreiber in Australien. Der Konzern hat vielmehr die Zeichen der Zeit erkannt. Er handelt entsprechend und sucht sich eine neue Identität.

Der Zukauf des Gamesa-Aktienpakets folgt dabei natürlich einem ökonomischen Kalkül: Die Zukunft der Energieerzeugung liegt in der Windkraft und auch in der Solarenergie sowie der Wasserstoff-Produktion. Die Akquisition war aber auch notwendig, weil sich dieses Geschäft nur gestalten lässt, wenn kein Minderheitsaktionär querschießt. Iberdrola streute regelmäßig Sand ins Getriebe. Eingriffe sind aber dringend erforderlich, schließlich liefert Siemens Gamesa niedrige Margen.

Der Zukauf hat eine Dimension, die über die Investitionssumme von 1,1 Mrd. Euro hinausreicht. Gamesa gehört zu der künftigen Gesellschaft Siemens Energy - deren Aktien Siemens im September jedem Aktionär in sein Depot bucht. Was tun damit? Das Energieunternehmen, dessen Gewinn eingebrochen ist, braucht eine strategische Perspektive. Die Erneuerbaren Energien sind, sofern des Auftragsbuch wie versprochen höhere Renditen bringt als bisher, ein Teil dieser Equity Story.

Mit der Börsennotierung von Siemens Energy wird der Konzern sein Gesicht in der Ära des Vorstandschefs Joe Kaeser, für den Vorstand Roland Busch als Nachfolger bereitsteht, völlig gewandelt haben. Energieerzeugung, Industriedigitalisierung und Medizintechnik: In diese Felder können Aktionäre demnächst ihr Geld getrennt investieren. Perspektivisch dürfte die Bahntechnik als eigenständige Einheit hinzukommen, sie wirkt wie ein Fremdkörper im Portfolio des Industrie-Kerngeschäfts.

Der Konzern hat also künftig viele Identitäten mit divergierenden Interessen. Wie die Marke sinnvoll geführt werden kann, ist ein Rätsel. Sicher ist schon jetzt: Deutschland verliert langfristig einen wirtschaftlichen Fixpunkt - aber auch ein Aktivist wie Greenpeace ein Angriffsziel.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots) von Michael Flämig


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