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Börsen-Zeitung: Bange machen gilt nicht

Archivmeldung vom 12.06.2019

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 12.06.2019 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Andre Ott

Knirps in der weltpolitischen Relevanz, Gnom im Vergleich der Marktkapitalisierung börsennotierter Unternehmen und Zwerg im Wachstum von Umsatz und Gewinn. Ausgerechnet die deutschen Konzerne, von denen es 2018 gerade mal 44 ins Ranking der 1000 global umsatzstärksten gelisteten Gesellschaften schafften, sind im Wachstum im vergangenen Jahr Schlusslicht gewesen.

Dass die größte Volkswirtschaft Europas in vielerlei Hinsicht nicht gerade in einer Topverfassung ist, hat seine Gründe. Was das Hinterherhinken in Umsatz- und Ergebniswachstum anbetrifft, sind sie ähnlich denen, warum Deutschland in puncto Marktkapitalisierung ein Zwerg ist. Europa ist strukturell ein Industriestandort. Doch gerade die klassische Industrie steht in der Investorengunst weit hinter IT, Software und Telekommunikation, die auf ganz andere Bewertungshöhen kommen.

So sind mit Technologie und Digitalisierung US-Technologiekonzerne derzeit das Maß der Dinge. Die Amerikaner profitieren von ihrem großen und prosperierenden Heimatmarkt. Die europäischen Rivalen arbeiten in einem Markt, der sich aus vielen Jurisdiktionen zusammensetzt, mit teilweise großen politischen und regulatorischen Unterschieden. Brexit und Populisten belasten Wachstum und Perspektiven.

In den USA hingegen werden die Großkonzerne nach Kräften vom US-Präsidenten unterstützt, auch wenn es hin und wieder Twitter-Tiraden gegen Amazon oder AT&T gibt. Allein die Steuerreform spülte den Konzernen Milliarden in die Kasse, die sie für kurssteigernde Aktienrückkäufe nutzen. Deutschland punktet hingegen mit dem starken und soliden Mittelstand. Die kleinen und mittleren Unternehmen holen zwar kräftig auf, streben aber nur selten an die Börse und sind keine Vorreiter der Digitalisierung.

Zudem schwächelt das Wirtschaftswachstum in Europa. Viele Unternehmen leiden unter dem US-Handelsstreit mit China und Konflikten mit anderen Ländern, die die USA großteils auf dem Rücken anderer austragen. Gerade die Stärke der Internationalisierung schlägt so in Zeiten des Protektionismus und politischer Volatilität ins Kontor.

Hinzu kommt, dass zahlreiche Konzerne in einem tiefgreifenden Umbruch stecken. Teils haben sie dies - wie einige mit Betrügereien aufgefallenen Autokonzerne - selbst verschuldet, teils sind es branchenspezifische Herausforderungen wie die Veränderung der Mobilität. Doch die nötige Restrukturierung macht fit für die Zukunft und vollzieht sich auf Basis einer noch immer ansehnlichen Profitabilität und Prosperität. Bange machen gilt nicht.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots) von Walther Becker

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