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Berliner Morgenpost: Die Natur ist eben doch stärker

Archivmeldung vom 16.04.2010

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 16.04.2010 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt

Der Planet spuckt. Er bebt und reißt Krater auf. Er türmt monströse Flutwellen auf und legt tödliche Nebel über Landebahnen. Er zerstört Häuser und Menschenleben, zu Tausenden. Es sind Jahre der Naturkatastrophen, die hinter uns liegen, von Phuket, l'Aquila, Haiti. Es ist ein Skandal, möchte man rufen. Und bekommt doch nur zur Antwort: Naja, so ist er halt, der Planet.

Das ist Natur - und sie ist stärker als wir. Das ist - so schlicht, so wahr - die erste Lehre der großen Wolke aus Island. Was gestern passiert ist am Himmel über Europa, begegnet einem sonst eher im Kino als Plot eines durchschnittlichen Katastrophenfilms: Eine riesige Aschewolke, hoch geschleudert von einem jener sonst so hübsch als kontemplative Tristesse angepriesenen isländischen Vulkane, von denen so mancher Work-Live-balancierender Großstadtmensch als Reiseziel träumt. Sie zieht von den britischen Inseln über den halben Kontinent und löst eine Kettenreaktion des Ausnahmezustands aus. Lufträume werden gesperrt, der Flugverkehr wird lahmgelegt. Der Himmel wird für den Menschen wieder zum unbetretbaren Raum, das Fliegen wieder zu dem, was es vor nicht einmal hundert Jahren noch war: ein Himmelfahrtskommando. Nichts geht mehr im minutengetakteten Stoßverkehr des Reisens. Eine uns selbstverständliche Lebensader schlägt nicht mehr. Demut ist angesagt, wenigstens für ein paar Stunden. Ein bisschen Demut wäre Lehre Nummer zwei aus diesem besonderen Tag. Zugegeben: Der Charme solcher Demutsgesten ist begrenzt, wenn man im öden Nirgendwo der Abfertigungskatakomben von Heathrow sitzt, auf gepackten Koffern, drei randalierende Kinder domptierend. Doch ein bisschen Demut ist trotzdem angebracht. Denn gerade an so einem Tag könnte man sich kurz daran erinnern, wie anfällig die hochkomplexen, hoch technisierten und vernetzten Lebenssysteme aus Reisen, Verbrauchen und Ausbeuten sind, von denen wir alle uns abhängig gemacht haben. Hier schließlich liegt Lehre Nummer drei: der Gedanke daran, an wie vielen unwägbaren Stellen wir mit diesen Systemen umgekehrt unseren Planeten traktieren und gravierend verändern. Dessen ganzheitliches Funktionieren wir noch lange nicht vollständig durchschauen. Um nicht missverstanden zu werden: Das ist kein Rousseau-Idealismus eines selbst gehäkelten Zurück-in-die-Steinzeit-Romantikers. Ich fahre gerne Auto, und ich fliege gern. Und, ja: Auch mein Strom kommt aus der Steckdose. Dennoch gehört es zu einem naturwissenschaftlich aufgeklärten Realismus, daran zu erinnern, dass Genmais-Aussaat, Abgasmassierungen und Atomeinlagerungen möglicherweise nicht ganz ohne Folgen für uns bleiben. Wer sich jemals in die Nähe der Natur begeben hat, auf Berge, das Meer, in die Wüste, der hat vielleicht in einem Hauch erfahren, was es heißt: Die Natur ist stärker als wir - trotz Goretex und Thermoskanne. Sie rächt sich nicht. Aber sie bewegt sich. Und dabei wird sie auf uns keine Rücksicht nehmen. Umgekehrt sollten wir es tun.

Quelle: Berliner Morgenpost

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