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Westdeutsche Zeitung: Man sollte dem neuen Westerwelle eine Chnace geben

Archivmeldung vom 07.11.2009

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 07.11.2009 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt

Er hat mit Steinen auf Polizisten geworfen, einen Bundestagsvizepräsidenten als "A...loch" beschimpft und bei seiner Vereidigung zum Landesminister Turnschuhe getragen. Wer hätte ihm zugetraut, sich eines Tages sicher auf dem glatten diplomatischen Parkett zu bewegen?

Tatsächlich wurde aus Joschka Fischer ein passabler Bundesaußenminister. Unvergessen bleibt sein Auftritt 2003 in München, als er dem US-Kriegsminister Donald Rumsfeld mit einem ruhigen "I am not convinced" (Ich bin nicht überzeugt) die Gefolgschaft verweigerte. Alle, die nun Bauchschmerzen bei dem Gedanken haben, dass sie jetzt von Guido Westerwelle in aller Welt vertreten werden, sollten sich an die Verwandlung Fischers erinnern. Der FDP-Chef hat eine faire Chance verdient.

Fischer gab einst zu Protokoll, dass ihn das Amt mehr verändert habe als er das Amt. Dieser Umstand lässt sich schon nach anderthalb Wochen auch bei Westerwelle beobachten. In Windeseile wurde aus einem Alles-besser-Wisser ein Lernender, aus einem Schnellsprecher ein Zuhörer. Den schrill-gelbenn Wahlkampf-Schlips hat er durch einen gedeckt-blauen Staatsmann-Schlips ersetzt. Wo er früher nur dauergrinste, schaut er jetzt ebenso ernst wie bescheiden in die Kameras und reichert die aus diplomatischen Gründen meist dünne Polit-Suppe mit bedeutungsschwangerer Rhetorik an.

Wenn man die Gesten richtig deutet, kommt er ganz gut an in der Welt, unser neuer Außenminister. Deswegen muss man nicht gleich stolz auf ihn sein, denn erreicht hat er naturgemäß noch gar nichts. Aber zur Kenntnis nehmen darf man die fehlerlosen, ja perfekten Auftritte Westerwelles schon. Und wer weiß: Vielleicht gehört der Mann in Kürze schon zu den beliebtesten Politikern in Deutschland - wie alle Außenminister vor ihm. Schließlich muss er sich nicht die Hände an den strittigen innenpolitischen Themen schmutzig machen.

Für seine Partei ist das freilich nicht unbedingt ein Vorteil. Während sich Unionspolitiker fast im Stundentakt daran machen, den Koalitionsvertrag zu zerfleddern, fehlt der FDP zurzeit der Lautsprecher. Der Parteivorsitzende übt die leisen Töne. Und einen neuen Generalsekretär, der für die verbalen Spitzen gegen den Koalitionspartner sorgen könnte, gibt es noch nicht.

Quelle: Westdeutsche Zeitung

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