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Die Fallhöhe steigt enorm: Martin Schulz ist SPD-Chef

Archivmeldung vom 20.03.2017

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 20.03.2017 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Andre Ott

Der Schulz-Hype hält an. In der SPD, wie das 100-Prozent-Wahlergebnis auf dem Parteitag am Sonntag in Berlin gezeigt hat. Und ausweislich der Umfragen auch außerhalb. Die Verehrung grenzt schon ans Irrationale, doch gibt es dafür eine rationale Erklärung: Es ist die Auflösung eines Vertrauensstaus. Die SPD hatte sich mit den Reformen ihres letzten Kanzlers Gerhard Schröder weit von jenem Wohlfühl-Sozialismus entfernt, den ihre Wählerschaft seit Willy Brandt an ihr geschätzt und den ihre Basis verinnerlicht hatte.

Soziale Sicherheit rundum, bis hin zu dem, was Altkanzler Helmut Kohl einst soziale Hängematte nannte. Eben zu viel fördern und zu wenig fordern. Schröder hat das Verhältnis zwischen diesen beiden Polen wieder in ein wirtschaftlich verträgliches Gleichgewicht gebracht. Für Wähler und Basis freilich hat er die alten Ideale verraten. Die SPD hat sich seit Schröders Abgang von dieser Politik distanziert, anfangs verdruckst, in der jüngsten Zeit immer offener.

Zuletzt war die Bereitschaft vieler Anhänger, die SPD doch noch einmal zu mögen, deutlich gestiegen, auch wegen des Mindestlohns. Allein, es fehlte der Glaube, auch weil noch immer die gleichen Leute da vorne saßen. Steinmeier und Steinbrück waren Kanzlerkandidaten aus dem Agenda-Lager, Gabriel steht für die Große Koalition.

Diesen Vertrauensstau löst nun Martin Schulz auf. Dass sich nach dem Brexit gerade eine proeuropäische Bewegung meldet, hilft ihm ebenso wie das Erwachen der Bürger gegen die populistische Gefahr. Vor allem aber gibt ihm seine persönliche Kleine-Leute-Geschichte, die er bewusst immer wieder ausbreitet, Glaubwürdigkeit. Und sein Image, nichts mit dem Berliner Betrieb und schon gar nicht mit der SPD-Politik von früher zu tun zu haben.

Obwohl das natürlich objektiv nicht stimmt. Seit seinen Korrekturvorschlägen beim Arbeitslosengeld I fühlt es sich für die SPD so an, als habe auch sie im Luther-Jahr einen großen Reformer. Dabei ist der Vorschlag bei Lichte besehen, nur ein Trostpflästerchen für Agenda-Kritiker. Doch die SPD ist schulzbesoffen. Mit seiner Rede am Sonntag und seiner einstimmigen Wahl als Parteichef und Kanzlerkandidat hat Schulz den Hype noch weiter angeheizt.

Freilich steigt nun die Fallhöhe enorm. Was, wenn auch Schulz nur eine Große Koalition erreicht? Schon verlangt die Parteilinke von ihm, diese auszuschließen. Was ist, wenn er mit FDP und Grünen regieren muss, was das zweitwahrscheinlichste ist? Viel Reformspielraum hätte er in beiden Fällen selbst als Kanzler nicht. Der Schulz-Hype ist im Moment nicht viel mehr als eine Projektion. Werden die übergroßen Erwartungen nicht erfüllt, kann es schnell wieder zappenduster werden bei den Sozialdemokraten.

Quelle: Lausitzer Rundschau (ots)