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Börsen-Zeitung: Auf dem Holzweg

Archivmeldung vom 19.03.2019

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 19.03.2019 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Andre Ott

Die Politik ist das Schicksal der Deutschen Bank. Das fing schon vor 149 Jahren an. Graf Bismarck, damals Bundeskanzler im Norddeutschen Bund, trug persönlich dazu bei, dass die Bank am 10. März 1870 aus der Taufe gehoben werden konnte, etwa indem er Einfluss auf ihr Statut nahm.

Schließlich stand hinter der Gründung aus Sicht der Initiatoren, die es leid waren, den deutschen Außenhandel über London oder andere ausländische Plätze finanzieren zu müssen, "ein wahrhaft patriotischer Gedanke". Und für Bismarck waren Banken und Bankiers stets ein "Instrument der Politik", wie Fritz Seidenzahl, einst Chefredakteur der Börsen-Zeitung, in seinem 1970 erschienenen Buch über das erste Jahrhundert des Instituts schrieb.

Welche patriotischen Gedanken es konkret sind, die die von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Vize Olaf Scholz (SPD) geführte Bundesregierung dazu bewegen, bei der Schaffung eines neuen "nationalen Champions" mindestens Geburtshilfe leisten zu wollen, ist noch nicht so recht ersichtlich. Was man aber schon weiß: Die Regierungschefin und der Finanzminister tragen die politische Verantwortung für den Abbau von sicher mehr als 40.000 Arbeitsplätzen innerhalb weniger Jahre, den die kostengetriebene Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank der betriebswirtschaftlichen Logik entsprechend nach sich ziehen müsste. Es mag martialisch klingen, aber am Finanzplatz nennt man die absehbaren personellen Konsequenzen eines Zusammenschlusses der beiden verbliebenen Großbanken mit ihren insgesamt mehr als 130.000 Vollzeitstellen ein "Blutbad". Nicht von ungefähr erkennt Kanzleramtschef Helge Braun eingedenk der drohenden Jobverluste einen "schwierigen Befund".

Aber Blau und Gelb können ja nicht fusionieren und dann die Synergien aus politischer Rücksichtnahme liegen lassen. Das muss wissen, wer "so etwas wie eine Standort- oder Industriepolitik" für den Finanzsektor betreibt und als "fairer Begleiter von privatwirtschaftlichen Diskussionen" zugange ist: Von den insgesamt 2400 Inlandsfilialen beider Häuser können am Tag 1 nach der Fusion in jeder zweiten die Rollläden unten bleiben. Und allein das Zusammenschieben der Zentralen in Frankfurt wird Tausende Stellen kosten.

Das heißt: Mit der offiziellen Ankündigung "ergebnisoffener Gespräche über einen eventuellen Zusammenschluss" (Commerzbank) beziehungsweise der Prüfung strategischer Optionen (Deutsche Bank) am Sonntag hat in beiden Konzernen der Kampf um die berufliche Existenz begonnen. Denn von der Putzkolonne bis zum Vorstand gilt es, sich beim berühmt-berüchtigten "Blending of the Best" als Gelber gegen den blauen Konkurrenten durchzusetzen und umgekehrt. Wer da von vornherein fürchtet, schlechte Karten zu haben, oder das Alter 50 deutlich überschritten hat, wird sich schon mal in die Sozialplanarithmetik vertiefen und kann gelassen abwarten. Ausgesprochen motivierend, sich intensiv um die Kunden und ums Geschäft zu kümmern, ist weder das eine noch das andere.

Fusionspartner, das zeigt eben alle Erfahrung, sind jahrelang mit sich selbst beschäftigt. Das gilt nicht nur für die Opfer der Neuaufstellung und für ein paar hundert Strategen, es gilt für die Organisationen als Ganzes, die ja im aktuellen Fall in ihrer jüngeren Geschichte ohnehin nie zu sich selbst gefunden haben. Sie fahren seit Jahrzehnten strategisch Achterbahn, reihen eine Restrukturierung an die nächste oder befinden sich im permanenten Übergang zu einem ein ums andere Mal revidierten Zielbild. Und jetzt, da in der Branche dank europäischer Null- und Negativzinsen, Regulierung und Digitalisierung mehr Umbruch herrscht, als ihn Deutsche Bank und die zwölf Tage ältere Commerzbank in der Nachkriegszeit je erlebt haben, eine Megafusion als Zugabe? Nebenbei: Die Integration der Postbank würde zum dritten Mal aufgerollt. Das lässt sich nur als Realsatire deuten.

Landesbanken, DZ Bank und Auslandsbanken mit ihren hiesigen Tochtergesellschaften können sich also freuen. Zumal Unternehmenskunden, die in der Regel mindestens eine Handvoll Kernbanken haben - das gilt schon für viele Mittelständler -, sowieso einen neuen Bankpartner brauchen, wenn ihnen ein bisheriger abhandenkommt.

Das Argument von Scholz, Blau und Gelb hätten nicht die Größe und die Globalität, die deutsche Wirtschaft zu begleiten, ist blanker Unfug. Weil ein paar chinesische Adressen noch größer sind? Die Deutsche Bank mit ihrer 1,3 Bill. Euro schweren Bilanz ist auch allein "too big/too complex to fail" genug, um in der vom Finanzstabilitätsrat zusammengestellten Liste der Banken mit der weltweit höchsten Systemrelevanz auf einem Top-4-Platz zu stehen!

Der deutsche Branchenchampion muss nicht in allen 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen präsent sein, ein Drittel davon tut es auch. Und die Commerzbank schafft es immerhin, 30 Prozent des deutschen Außenhandels abzuwickeln. Es wäre doch ein Armutszeugnis, wenn Europas größte Volkswirtschaft nicht zwei private Großbanken ernähren könnte, so sie denn über zukunftsträchtige Geschäftsmodelle verfügen. Fehlt es aber an wettbewerbsfähigen Konzepten, lassen diese sich auch nicht qua Fusion herbeizaubern. Schon gar nicht, wenn man bei M&A-Deals einen Track Record hat wie deutsche Banken und Versicherer.

Deutsche und Dresdner Bank brauchten 30 Tage, um ihre im Jahr 2000 beschlossene Fusion und den Dreierbund mit der Allianz wieder abzublasen. Es wäre gut, wenn Blau und Gelb in Frankfurt und Schwarz-Rot in Berlin es noch schneller schafften, den Holzweg zu verlassen. Sonst nähme die Sache kein so gutes Ende wie bei der Intervention des Kanzlers anno 1870.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots) von Bernd Wittkowski

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