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Kinderhandel in Westafrika?

Archivmeldung vom 21.04.2012

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 21.04.2012 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Manuel Schmidt
Prof. Dr. Erdmute Alber, Lehrstuhl für Sozialanthropologie, Universität Bayreuth.
Quelle: Foto: Lehrstuhl für Sozialanthropologie, Universität Bayreuth; zur Veröffentlichung frei. (idw)
Prof. Dr. Erdmute Alber, Lehrstuhl für Sozialanthropologie, Universität Bayreuth. Quelle: Foto: Lehrstuhl für Sozialanthropologie, Universität Bayreuth; zur Veröffentlichung frei. (idw)

Internationale Organisationen wie Terre des Hommes, Anti Slavery International oder UNICEF engagieren sich seit langem gegen den Menschenhandel und speziell gegen den Kinderhandel. In Westafrika stoßen sie damit bei Nichtregierungsorganisationen, Entwicklungshelfern und Medien auf erhebliche Resonanz. Doch den gesellschaftlichen Realitäten werden diese Kampagnen nicht immer gerecht. Insbesondere entsprechen sie nicht dem Selbstbild der Jugendlichen, die als Opfer eines von Profitgier getriebenen Menschenhandels dargestellt werden. Zu diesen Ergebnissen kommt Prof. Dr. Erdmute Alber (Universität Bayreuth) in einer Studie, die sich vor allem mit den Verhältnissen in Benin befasst.

Internationale Initiativen gegen Kinderhandel

Mehr als 150 Staaten haben das im Jahr 2000 unterzeichnete Zusatzprotokoll zur "Palermo-Konvention" der Vereinten Nationen ratifiziert, das sich gegen international organisierte Kriminalität richtet. Darin verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten zur Verhinderung, Ächtung und Bestrafung des Handels mit Personen, insbesondere Frauen und Kindern. Internationale Nichtregierungsorganisationen entwickelten bereits Mitte der 1990er Jahre soziale Projekte, um die Rechte arbeitender Kinder zu schützen und den Grundschulbesuch von Mädchen zu fördern; parallel dazu finanzieren sie Kampagnen gegen den Kinderhandel. Wie wirken sich diese an UN-Konventionen orientierten Aktivitäten in Westafrika aus?

Das Leben in die eigene Hand nehmen:

Erwerbsarbeit von minderjährigen Jugendlichen in Benin

In Benin und anderen westafrikanischen Ländern ist es seit Jahrzehnten üblich, dass minderjährige Dienstmädchen von Agenturen in andere Familien vermittelt werden und minderjährige Jungen in der Landwirtschaft arbeiten. Weil die städtischen Mittelschichten in Westafrika expandieren, steigt die Nachfrage nach diesen jugendlichen Arbeitskräften. So hat sich – parallel zu Wanderungsbewegungen innerhalb des Landes – auch eine grenzüberschreitende Migration von Jugendlichen entwickelt, die in Nigeria, Ghana und der Elfenbeinküste sowie in Gabun Arbeit finden. "Internationale Kampagnen haben in Benin bewirkt, dass diese Arbeitsverhältnisse dort zunehmend als Formen von 'Kinderhandel' aufgefasst werden", berichtet Prof. Alber, die in den letzten 20 Jahren regelmäßig in Benin sozialwissenschaftlich geforscht hat. "Aktivisten von NGOs, Journalisten und manche Regierungsvertreter verbreiten erfolgreich die offizielle Sichtweise, welche die Jugendlichen durchweg als 'Opfer' ansieht."

Dem Selbstbild der Jugendlichen in Benin wird dieser „Ächtungsdiskurs“ jedoch nicht gerecht. Prof. Alber zeigt, wie sich die Jugend auch für westafrikanische Mädchen und Jungen zu einem eigenständigen Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsensein entwickelt hat. Diese Zeitspanne wird entweder für eine Schulausbildung oder für den Gelderwerb genutzt. Der letztere Weg scheint vielen Mädchen attraktiver, weil sie in der Anstellung als Dienstmädchen eine der wenigen Chancen zum Gelderwerb sehen, die ihnen der Arbeitsmarkt bietet. Hinzu kommt der Wunsch, das Leben in die eigene Hand zu nehmen und die Welt kennenzulernen. Jugendliche beschreiben die Arbeitsmigration daher auch in den Idiomen von Abenteuersuche und Erkenntnisgewinn. So wird häufig formuliert, man begebe sich "en aventure" und das Arbeiten in der Fremde (meist in der Stadt) ermögliche, dass einem "die Augen geöffnet" werden.

Ebensowenig wie gleichaltrige Jungen, die Geld in der Landwirtschaft verdienen, empfinden sich minderjährige Mädchen als "gehandelte Kinder", wenn sie sich für eine Dienstmädchenarbeit außerhalb der heimischen Umgebung entscheiden. Im Gegenteil, sie erwarten für sich einen Freiheitsgewinn. Oftmals müssen sie ihren Eltern die Erlaubnis dafür abtrotzen, oder sie verlassen heimlich ihren Wohnort.

Die Attraktivität der Dienstmädchenarbeit steht – und auch darauf weist Prof. Alber in ihrer Studie hin – in einem engen Zusammenhang mit globalen ökonomischen Prozessen, die in die westafrikanischen Gesellschaften hineinwirken. Solche Entwicklungen haben einerseits dazu beigetragen, dass die Nachfrage nach bezahlten Dienstleistungen im Haushalt stieg, und andererseits zu einer deutlichen Heraufsetzung des Heiratsalters geführt. Noch in den 1970er Jahren wurden beninische Mädchen oft schon als Kleinkinder von ihren Familien verlobt.

Prekäre Arbeitsverhältnisse:

Zur Lebensgeschichte einer 14jährigen Beninerin

Doch auch wenn minderjährige Jugendliche die Erwerbsarbeit wählen, um ihr Leben selbständiger zu gestalten – es gibt keinen Grund, ihre Arbeitsbedingungen zu beschönigen. "Manche Mädchen berichten von Übergriffen seitens der Dienstherren, von fehlendem Arbeitsschutz und von Auseinandersetzungen um den Lohn. Nicht selten werden sie beschuldigt, Geld oder Nahrungsmittel gestohlen oder unterschlagen zu haben. Daher sind zahlreiche Mädchen auf der Suche nach einer neuen Anstellung mit besseren Arbeitsbedingungen. Dabei wird die Möglichkeit, jederzeit gehen zu können, durchaus wieder als Ausdruck eigener Freiheit empfunden", erläutert Prof. Alber. Beispielhaft erzählt sie in ihrer Studie den Lebenslauf eines 14jährigen Mädchens, das der ethnischen Gruppe der Lokpa im Norden Benins angehört und zunächst in Niamey, der Hauptstadt des Niger, dann in der nordbeninischen Stadt Parakou eine Anstellung gefunden hat.

Ökonomische Analysen im internationalen Kontext:

Hilfreicher als globale Moralkampagnen

In der Studie wird deutlich, dass die globalen Kampagnen gegen den Kinderhandel sich an Kindheitsnormen orientieren, die weit entfernt sind von den Lebensentwürfen westafrikanischer Jugendlicher und ihren eigenen Handlungsnormen. Der internationale "Ächtungsdiskurs" sollte deshalb mit Skepsis betrachtet werden. "Diese Kampagnen sind in Benin umso einflussreicher, als der Staatshaushalt und der Akademikerarbeitsmarkt dort wesentlich von Entwicklungshilfegeldern abhängen. Die Themen und Moden, die internationale Organisationen ins Land hineintragen, stoßen deshalb kaum auf Widerspruch. Auch lokale Politiker schließen sich an – selbst wenn erkennbar ist, dass es sich eher um Lippenbekenntnisse handelt. Denn welcher städtische Haushalt aus der Mittelschicht will heute auf ein Dienstmädchen verzichten?", erklärt Prof. Alber. "Für afrikanische Jugendliche wäre es viel hilfreicher, wenn eine kritische Diskussion über die ökonomischen und sozialen Ursachen ihrer prekären Lebensverhältnisse geführt würde. Diese Ursachen haben unbestreitbar auch eine internationale Dimension. Weltweite Kampagnen, die einseitig die Profitgier afrikanischer Arbeitsvermittler verantwortlich machen, bedienen nur einmal mehr das Klischee, dass die Menschen in Afrika die Alleinschuld an Misere und Unterentwicklung tragen."

Quelle: Universität Bayreuth (idw)

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