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Wenn der Strom fehlt – Sanktionsfolgen in Syrien

Archivmeldung vom 10.08.2022

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 10.08.2022 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
Arbeiter in einer staatlichen Kabelfabrik im Süden von Damaskus, 21.05.2017
Arbeiter in einer staatlichen Kabelfabrik im Süden von Damaskus, 21.05.2017

Bild: Sputnik / Mikhail Voskresenskiy

Den Krieg in Syrien hat der Westen verloren, aber den Wiederaufbau blockiert er immer noch mit seinen Sanktionen. Ein neuer UN-Bericht schildert ausführlich, welche Folgen es hat, dass die Sanktionen den Wiederaufbau der Stromversorgung behindern. Dies berichtet Dagmar Henn im Magazin "RT DE".

Weiter berichtet Henn auf RT DE: "Syrien wird nach wie vor von den westlichen Staaten massiv sanktioniert. Diese Sanktionen umfassen auch Ausrüstungsgegenstände, die zur Aufrechterhaltung beziehungsweise Wiederherstellung der Stromversorgung nötig sind. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen hat in einem Bericht ausführlich geschildert, welche vielfältigen Folgen das Fehlen der Stromversorgung hat.

Die Daten, die im Bericht verwendet wurden, stammen von in Syrien tätigen Hilfsorganisationen. Sie belegen, wie absurd deren Situation oft ist, weil die Sanktionen nicht nur das Elend erzeugen helfen, das sie zu lindern versuchen, sondern außerdem die Arbeit selbst auf vielfache Weise behindern und erschweren.

Syrien wurde um Jahrzehnte zurückgeworfen. Das zeigen die grundlegenden Daten in zwei Bereichen aus der Zeit vor dem vom Westen ausgelösten Krieg. Im Jahr 2010, so der Bericht, stieg die Stromerzeugung zwar nicht schnell genug an, um mit der Nachfrage mithalten zu können, aber das Land war zu 93 Prozent elektrifiziert. In der Stadt hatten hundert Prozent Zugang zu elektrischer Energie, auf dem Land immer noch 83 Prozent.

Ähnlich war die Lage bei der Wasserversorgung. 92 Prozent der Landgemeinden und 98 Prozent der städtischen Zentren hatten Zugang zu sicherem Trinkwasser. Die jährlich gelieferte Menge an Trinkwasser belief sich auf 1.700 Millionen Kubikmeter, das ergab 125 Liter pro Kopf.

Die Abwasserbehandlung war, zumindest auf dem Land, noch nicht sehr weit entwickelt, dort hatten 13,5 Prozent der Bevölkerung einen Anschluss an ein Abwassersystem, aber in städtischen Regionen war die Lage besser.

Im Jahr 2021 betrug die Menge elektrischer Energie, die pro Kopf zur Verfügung stand, nur noch 15 Prozent des Werts von 2010. 59 Prozent der Haushalte hatten weniger als acht Stunden Strom am Tag, und bei 30 Prozent waren es sogar weniger als zwei Stunden. Selbst in den öffentlichen Einrichtungen waren die Verhältnisse nicht besser.

Natürlich war auch die Stromversorgung von den Kämpfen betroffen. Zwei der dreizehn größten Kraftwerke des Landes wurden völlig zerstört, sechs teilweise. Von 5.800 Megawatt fiel die Stromkapazität auf nur noch 2.000 Megawatt.

"Finanzielle Nöte und die durch internationale Sanktionen hervorgerufene Unmöglichkeit, Ersatzteile zu importieren, haben die Fähigkeit des Staates beschnitten, beschädigte Infrastruktur zu reparieren und ganz oder teilweise funktionierende Kraftwerke zu warten. In jüngerer Zeit, seit 2020, haben wiederholte und ernste Treibstoffknappheit und deutlich angestiegene Treibstoffpreise der vor allem auf fossilen Energien beruhenden Energieerzeugungskapazität des Landes weitere Schläge versetzt."

Dabei ist zu berücksichtigen, dass dieser Bericht vor dem jüngsten Anstieg der Ölpreise verfasst wurde. Und man sollte auch nie vergessen (das erwähnt dieser Bericht nicht), dass die eigenen syrischen Ölvorkommen nach wie vor von den Vereinigten Staaten geplündert werden.

Aber zurück zu den Konsequenzen des Strommangels. Die erste und massivste betrifft die Wasserversorgung. "Zwischen 2011 und 2021 erlitten alle grundlegenden Anlagen der Wasserversorgung, abgesehen von dem System, das die Küstengebiete Syriens versorgt, direkte und schwere Schäden." Auch hier wird die Reparatur beschädigter Anlagen durch die Sanktionen erschwert; aber die Stromknappheit macht sich selbst da bemerkbar, wo die Anlagen noch funktionieren, da die Pumpen ohne Strom nicht arbeiten.

"In den ganzen Jahren 2020 und 2021 führte Stromknappheit zu einer massiven Verringerung der Pumpkapazitäten in allen syrischen Wassernetzen, und manche davon arbeiteten nur einige Stunden in der Woche."

Auf dem Land müssen die Menschen inzwischen oft Wasser aus Tankwagen kaufen. Sie müssen dafür bis zu 15 Prozent ihres Einkommens aufwenden. Viele ärmere Haushalte können sich das nicht leisten, und "sind gezwungen, unsicheres Wasser zu trinken, was sie der Gefahr von durch das Wasser übertragenen Krankheiten aussetzt."

Die Hilfsorganisationen berichten auch, dass der ungleiche Zugang zu Wasser, der davon abhängt, ob das lokale System funktioniert oder nicht, zu Spannungen zwischen den Gemeinden führt.

Auch das Niveau der Abwasserbehandlung ist durch den Strommangel gefallen. Inzwischen haben nur noch drei Prozent der ländlichen Gemeinden Zugang dazu, was bedeutet, dass mehr Abwasser die Oberflächengewässer und das Grundwasser belastet.

Die Folgen für die Wasserversorgung sind aber nur eine von vielen Konsequenzen. Der Bericht betont die Folgen, die die Stromknappheit auf die Bildung hat. Da viele Schulen zerstört sind, werden die übrigen vielfach in einem Schichtsystem betrieben. Wenn aber der Strom für die Beleuchtung fehlt, fällt ein großer Teil des Unterrichts für die zweite Schicht aus.

Bezüglich der beruflichen Bildung, die manche der am Bericht beteiligten Hilfsorganisationen anbieten oder anzubieten versuchen, sind die Folgen noch gravierender. Ohne den nötigen Strom für die verwendeten Maschinen kann man weder Näherinnen noch Zimmerleute, Schweißer oder Automechaniker ausbilden. "Ein Beispiel ist die Berufsschule in Duma, die vom UNDP [Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen] 2020 wieder aufgebaut wurde. Die Schule arbeitet nur in Teilzeit, weil sie nur alle zehn oder zwölf Stunden für eine Stunde Strom hat. Die humanitären Partner müssen die Berufsbildungszentren mit alternativen und teuren Energiequellen ausstatten, was von den verfügbaren Mitteln abgeht."

Für die Ausübung der dort gelernten Berufe stellt sich dieselbe Frage, sodass in manchen Regionen Syriens die Hälfte der kleinen Unternehmen den Betrieb aufgegeben hat. Selbst wenn Treibstoff und Generatoren zur Verfügung stehen, ist der erzeugte Strom zu teuer. Wohlgemerkt, er war es bereits im Jahr 2021.

Auch die Gesundheitsversorgung leidet.

"Schätzungsweise 30 Prozent der öffentlichen Kliniken in elf syrischen Provinzen benötigen Stromgeneratoren, um arbeiten zu können. (…) 51 Kliniken, die in der Wiederbelebung Neugeborener arbeiten, bei 6.000 Neugeborenen im Monat, von denen 500 eine intensivere medizinische Betreuung benötigen, sind direkt von kurz- und langfristigen Stromausfällen betroffen."

Nicht nur viele Behandlungsmöglichkeiten entfallen bei Strommangel. Viele technische Geräte wie Dialysemaschinen oder Inkubatoren reagieren empfindlich auf Stromschwankungen. Blutkonserven können ohne Kühlung nicht aufbewahrt werden, und selbst die Kühlschränke versagen, wenn der Strom immer wieder wegbleibt. Die hohen Treibstoffkosten führen zusätzlich dazu, dass weniger Ambulanzen zur Verfügung stehen. Letztlich übersetzt sich das alles in den unnötigen Tod vieler Menschen.

Die humanitären Einrichtungen stehen vor der Wahl, entweder ihre Dienste nicht mehr anbieten zu können, oder einen Teil ihres Budgets für die Stromversorgung aufwenden zu müssen, was ebenfalls zu einem verringerten Angebot führt. "Ein Gesundheitszentrum im Unterbezirk Suran in der ländlichen Provinz Hama, das Unicef eingerichtet hat, musste seine medizinischen Leistungen wegen des Strommangels streichen."

Die Zerstörung von Pumpanlagen und die unsichere Stromversorgung haben aber auch Folgen für die Nahrungsversorgung.

"In der syrischen Provinz Al-Hasakeh, früher der Brotkorb des Landes, wurde der Weizenanbau vor der Krise mit Bewässerung auf 252.468 Hektar geschätzt und erzeugte 974.000 Tonnen Weizen pro Jahr. Heute liegt die bebaute Fläche unter 120.500 Hektar und erzeugt 354.238 Tonnen Weizen."

In der Provinz sind die meisten Pumpen wegen Strommangels außer Betrieb. Andernorts betreiben wohlhabendere Bauern Bewässerung mithilfe von Generatoren, aber die Kosten, die (im Jahr 2021) beim Sechsfachen des staatlichen Strompreises lagen, sorgen für eine entsprechende Preiserhöhung des Getreides.

Auch landwirtschaftliche Produkte halten sich nur bei entsprechender Lagerung. Selbst Getreidesilos benötigen Strom zur Belüftung und Trocknung. "Ohne Strom können ihre Belüftung, die Sterilisation und die Umwälzsysteme nicht arbeiten. In der Folge wird der Weizen offen gelagert und die Ernte kann verderben, was für die Bauern erhebliche Verluste bedeutet." Und die Gemüseproduktion, die in Syrien vorwiegend in Gewächshäusern in der Küstenregion stattfindet, leidet ebenfalls. "Seit 2020 haben beispielsweise nicht weniger als 12.000 Gewächshäuser (…) ihren Betrieb wegen des Strommangels eingestellt."

Das alles führt zu steigenden Nahrungsmittelpreisen und höherer Armut. Inzwischen schätzt der UNHCR, der Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, dass 90 Prozent der syrischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, und 60 bis 65 Prozent sogar in extremer Armut. Im Sommer 2021 wurde festgestellt, dass der Anteil der Syrer, die manifeste Hungerfolgen zeigen, inzwischen bei 4,7 Prozent liegt.

All diese Probleme wären behebbar, oft sogar schnell behebbar, wären da nicht die westlichen Sanktionen.

"Die Zahl der Menschen, die humanitäre Hilfe benötigen, steigt seit 2020. Angesichts der sich verschlechternden sozioökonomischen Lage im Land sind weitere Anstiege zu erwarten. Wie es die vulnerablen Syrer selbst sagen, spielt der Mangel an Elektrizität bei dieser Dynamik eine entscheidende Rolle, sowohl als Symptom als auch als Motor eines sozioökonomischen Verfalls."

Niemand kann, angesichts der Angaben dieses Berichts, noch behaupten, die Sanktionen gegen Syrien richteten sich nicht gegen die einfache Bevölkerung. Es sind immer koloniale Strafmaßnahmen, die Gehorsam erzwingen sollen, und sie zu verhängen, ist eine Schande für Staaten, die sich selbst demokratisch nennen.

Nun, Europa wird gezwungen, zu lernen. Denn auch europäische Maschinen, Wasserpumpen und Getreidesilos funktionieren nicht ohne Strom, sowenig wie Nahverkehrsnetze und moderne Krankenhäuser. Die EU, die weiter darauf besteht, Syrien im Elend zu halten, indem sie die Wiederherstellung der Stromversorgung blockiert, bekommt ihre eigene Medizin zu kosten. Die Syrer dürften das mit einer gewissen Genugtuung betrachten."

Quelle: RT DE

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