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Zypern öffnet Donnerstagmittag seine Banken

Archivmeldung vom 27.03.2013

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 27.03.2013 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Zentralbank von Zypern mit Sitz in Nicosia
Zentralbank von Zypern mit Sitz in Nicosia

Foto: TourinNicosia
Lizenz: CC-BY-SA-3.0
Die Originaldatei ist hier zu finden.

Auf Zypern sollen alle Banken am Donnerstag zwischen 12 und 18 Uhr Ortszeit ihre Schalter wieder öffnen. Das teilte die Zentralbank des Landes mit. Wie die griechische Zeitung "Kathimerini" berichtet, sollen die Finanzinstitute des Landes aber nur unter Auflagen wieder ihre Türen öffnen. So soll das Abheben von Geld limitiert werden. Zudem würden Auslandsüberweisungen auf 5.000 Euro pro Person und Monat begrenzt.

"Wir werden den besten Weg wählen, um die Wahrscheinlichkeit zu limitieren, dass große Summen von Geldern verschwinden", erklärte der zyprische Finanzminister Michael Sarris. Die zyprischen Finanzinstitute waren während der Verhandlungen über das EU-Rettungspaket geschlossen worden, um eine Kapitalflucht zu verhindern. Seit dem 16. März können die Zyprer daher nur an Automaten Geld abheben.

Zyperns Außenminister kritisiert Eurozone als unsolidarisch

Zyperns Außenminister Ioannis Kasoulidis hat die Eurozone trotz des in Aussicht stehenden Hilfspakets von zehn Milliarden Euro als unsolidarisch kritisiert. "Um es ganz offen zu sagen: Wir haben dieses Vorgehen nicht als europäische Solidarität empfunden", sagte Kasoulidis der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Donnerstagsausgabe) unter Verweis auf den Zypern zur Abwendung eines Staatsbankrotts abverlangten Eigenbeitrag von 5,8 Milliarden Euro. Die deutschen Steuerzahler würden vergessen, dass sie ihr Geld, mit dem in Schwierigkeiten geratenen Staaten der EU geholfen werde, nicht nur verzinst zurückerhielten, sondern dass die in den Süden transferierten Milliarden auch dem Erhalt der Absatzmärkte in der EU diene. Bei der Frage, wie sich Zyperns Krise besser hätte lösen lassen, zeigte sich der Minister jedoch ratlos: "Ehrlich gesagt: Ich weiß es auch nicht." Kasoulidis hob hervor, dass sein Land im Zuge der Verhandlungen der vergangenen Woche kurz vor der Entscheidung gestanden habe, aus der Eurozone auszuscheiden: "Das war eine Möglichkeit, die wir zeitweilig ernsthaft in Betracht ziehen mussten". Es war das erste Mal, dass ein Minister eines Mitglieds der Eurozone zugab, sein Staat habe selbst einen Rückzug aus der gemeinsamen Währung erwogen. Kasoulidis verteidigte die Versuche des zyprischen Finanzministers, in Moskau über Finanzhilfe zu verhandeln: "Es waren die EU und insbesondere Deutschland, die Russland an dem Bailout beteiligen wollten". Russland ist nach Kasoulidis Einschätzung auch bereit, Zypern zu helfen: "Präsident Putin hat Anweisungen gegeben, die Laufzeit des uns von Russland gewährten Kredits zu verlängern und den Zinssatz von 4,5 auf 2,5 Prozent zu senken." Außerdem sagte Kasoulidis, es sei eine Idee der EU-Kommission und nicht der zyprischen Regierung gewesen, auch Guthaben unter 100.000 mit Zwangsabgaben zu belegen: "Der erste Vorschlag der Kommission sah eine Abgabe von 3,5 Prozent auf Guthaben unter 100.000 Euro vor." Die Frage, ob die Kommission sich über die europäische Garantie für Einlagen von bis zu 100.000 Euro hinweggesetzt habe, bejahte Kasoulidis. "Aber sie sagten, es handele sich nicht um eine Zwangsabgabe, da die Betroffenen Anteilsscheine der Banken erhalten sollten und ihr Geld damit nicht irreversibel verloren war."

Comdirect-Chef Reitmeyer: Zypern-Rettung hat Vertrauen zerstört

Der Chef der Commerzbank-Tochter Comdirect, Thorsten Reitmeyer, hat das Vorgehen der Politik bei der Rettung Zyperns kritisiert: "Mit der Entscheidung, auch die Sparer in die Zypern-Rettung einzubeziehen, ist sicherlich Vertrauen zerstört worden", sagte Reitmeyer im Interview mit dem "Handelsblatt" (Donnerstagausgabe). Im Gegenzug für ein milliardenschweres Rettungspaket hatte das Parlament in Nikosia am Montag für eine Beteiligung der Sparer gestimmt. Einlagen über 100.000 Euro sollen mit einer Zwangsabgabe versehen werden, um das Eigenkapital der Bank of Cyprus zu stärken und die geplante Abwicklung der Laiki-Bank zu unterstützen. Reitmeyer kritisierte besonders die daraufhin aufgekommenen Vorschläge, die Maßnahmen auf andere Euro-Länder anzuwenden. "Die Andeutungen, dass die Beteiligung der Bankkunden in Zypern als Vorbild für andere kriselnde Euro-Länder dienen könne, haben die Unruhe unter den Sparern unnötig erhöht", sagte Reitmeyer.

Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem hatte sich am Montag zunächst dafür ausgesprochen, dass künftig nicht mehr allein die Steuerzahler für die maroden Banken in der Euro-Zone aufkommen sollen, sondern zuerst die Eigentümer und Gläubiger. Nachdem die Aktienmärkte und der Euro abrutschten, ruderte Dijsselbloom zurück. Doch Finnlands Premier Jyrki Katainen erneuerte am Dienstag Dijsselbloems widerrufene Aussage. Gleichwohl betonte Reitmeyer, dass es bei Comdirect zwar vereinzelte Anrufe von Kunden gegeben habe, die befürchteten, dass ihre Sparguthaben in Deutschland ebenfalls mit einer Zwangsabgabe belastet werden könnten. "Diese Kunden konnten wir aber mit dem Versprechen der Bundeskanzlerin beruhigen, dass die Einlagen in Deutschland sicher sind."

Ökonomen fordern EU-Aufbauhilfe für Zypern

Nach Einschätzung von Ökonomen wird Zypern der Aufbau eines neuen Geschäftsmodells für die Zeit nach der Schuldenkrise nur mit Hilfe seiner EU-Partner gelingen. "Bei der Entwicklung von neuen Wirtschaftsstrukturen sollte die Europäische Union mit technischer Hilfe unterstützen", sagte der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, "Handelsblatt-Online". "Hierbei können Steuervorteile durchaus eine Rolle spielen." Kater unterstrich zugleich, dass nicht nur Zypern ein neues Geschäftsmodell finden müsse, dies sei auch eine Aufgabe für andere krisengeplagte Euro-Mitgliedsländer. "Hier sind Konzepte der Wirtschaftsförderung gefragt, wie sie auch in größeren Volkswirtschaften in den Regionen praktiziert werden", sagte der Ökonom. Der Vorteil unabhängiger Länder sei dabei, dass sie eine Reihe von Angebotsbedingungen wie Bürokratiestandards oder Arbeitsmarktbedingungen unabhängiger setzen können als die Teilregionen eines Staates. Der Berliner Wirtschaftsforscher Christian Dreger regte einen EU-Wachstumsplan für Zypern an. Die Anpassung der Wirtschaft gelinge umso leichter, je stärker das Wachstum im Euro-Raum sei. Dieser Zusammenhang gelte im Übrigen nicht nur für Zypern, sondern auch für andere Krisenländer. "Daher sollten die großen Mitgliedsländer höheres Wachstum fördern", sagte der Forschungsdirektor im Bereich International Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) "Handelsblatt-Online". Obwohl der Staatsbankrott gerade noch einmal abgewendet werden konnte, steht Zypern nach Einschätzung Dregers eine "längere Rezession" bevor. Die Regierung müsse nicht nur sparen und wichtige Steuern erhöhen. Vor allem solle der Bankensektor des Landes verkleinert und allmählich an die Verhältnisse in der Währungsunion angepasst werden. "Die nächsten Jahre werden von einem Prozess der Umstrukturierung begleitet sein, der das Wachstum bremsen und die Arbeitslosigkeit erhöhen dürfte", sagte der DIW-Ökonom. Auch der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, erwartet für Zypern ohne EU-Aufbauhilfe eine lange wirtschaftliche Durststrecke. "Das Rettungspaket hat den Kollaps der zypriotischen Wirtschaft verhindert, nicht aber, dass Zypern vor wirtschaftlich schwierigen Jahren steht", sagte Krämer "Handelsblatt-Online". Das liegt vor allem daran, dass der Bankensektor "völlig überdimensioniert" sei. Sein Anteil am Bruttoinlandsprodukt betrage fast neun Prozent, 1995 seien es nur 4,9 Prozent gewesen. "In den kommenden Quartalen dürfte die Arbeitslosigkeit massiv zunehmen", sagte Krämer.

Regierung: Zypern-Rettung kein Vorbild für andere Euro-Krisenstaaten

Das Rettungspaket für Zypern, das eine Beteiligung von Kontoinhabern mit Einlagen über 100.000 Euro vorsieht, ist laut Regierungssprecher Steffen Seibert kein Vorbild für künftige Hilfsprogramme. "Zypern ist ein singulärer Fall", sagte Seibert am Mittwoch in Berlin. Aus der zyprischen Lösung seien dem Regierungssprecher zufolge keine Rückschlüsse für etwaige andere Hilfsprogramme zu ziehen, da es sich um eine maßgeschneiderte Lösung handele, die die individuellen Probleme Zyperns lösen solle. Seibert distanzierte sich damit indirekt von den Äußerungen des Chefs der Euro-Gruppe, Jeroen Dijsselbloem, der zuvor erklärt hatte, dass die Beteiligung von Kontoinhabern an der Rettung der Banken in Zypern auch als Modell für künftige Hilfsprogramme gelten könnte. Nach teils harscher Kritik ruderte der Euro-Gruppen-Chef allerdings wenig später zurück.

Luxemburgischer Bankenpräsident lobt Zypern-Rettung

Der Präsident der Luxemburger Bankenvereinigung ABBL, Ernst Wilhelm Contzen, hat die Zypern-Rettung gelobt und sieht in dieser ein Vorbild für künftige Stützungsmaßnahmen angeschlagener Euro-Länder. Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloom habe "recht damit", die Zwangsabgabe auf Bankguthaben von mehr als 100.000 Euro als vorbildhaft zu sehen, so Contzen im Interview mit "Handelsblatt-Online". "Wer in Zypern auf hohe Zinsen gesetzt hat, muss im Zweifelsfall die Konsequenzen tragen", sagte Contzen weiter. Die Kritik an der Größe des luxemburgischen Finanzsektors weist der Chef der Deutschen Bank Luxemburg zurück: "Niemand darf den Finanzplatz Luxemburg an der Wirtschaftskraft des Landes messen, die Vergleichsgröße muss die gesamte EU sein." Denn Luxemburg exportiere Finanzprodukte. "Es sagt ja auch niemand, dass die deutsche Autoindustrie im Vergleich zum Heimatmarkt überdimensioniert ist." Für die luxemburgischen Banken könne sich die Zypern-Krise als Glücksfall erweisen. "Zypern schlägt uns auf die Butterseite", so Contzen. Schon immer legten Ausländer in Luxemburg Geld an, aber jetzt werde der besondere Wert erkannt, dass es ein funktionierendes Rechtssystem gebe und man Vorreiter im Kampf gegen Geldwäsche sei.

Quelle: dts Nachrichtenagentur

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