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Experte erklärt Grund für Dramatisierung seitens EU: „Unsinn, kein Chaos nach Brexit“

Archivmeldung vom 16.01.2019

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 16.01.2019 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Brexit (Symbolbild)
Brexit (Symbolbild)

Bild: CC0 / Pixabay

Das Brexit-Abkommen ist im britischen Parlament gescheitert. Die Angst der deutschen Wirtschaft vor einem wirtschaftlichen Chaos nach einem sogenannten „ungeordneten“ Ausstieg des Landes aus dem Staatenverbund wächst. „Unsinn“, die Sorgen seien übertrieben, sagt der Volkswirt Dr. Paul Steinhardt im Gespräch, mit Paul Linke, beim russischen online Magazin Sputnik.

Gleich nach der Absage des britischen Parlaments an das Brexit-Abkommen warnte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vor „dramatischen Folgen“. „Unternehmen diesseits und jenseits des Ärmelkanals hängen weiter in der Luft. Ein chaotischer Brexit rückt in gefährliche Nähe“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang gegenüber der deutschen Presse-Agentur (DPA). Es drohe eine Rezession in der britischen Wirtschaft, die auch an Deutschland nicht unbemerkt vorüberziehen würde.

„Unsinn“, sagt der deutsche Volkswirt vom wirtschaftspolitischen Magazin „Makroskop“, Dr. Paul Steinhardt, im Sputnik-Interview. Seiner Meinung nach wird es keinen „ungeordneten“ Brexit geben: „Es gibt bereits entsprechende bilaterale Abkommen“. Und sogar wenn es gar keine Vereinbarung gebe, würde das Ganze auf Standards der Welthandelsorganisation (WTO) zurückfallen, ist Steinhardt überzeugt.

Brexit: „Ein Nachteil für Deutschland“

Der ehemalige Banker und Co-Autor des Buches „Gescheiterte Globalisierung: Ungleichheit, Geld und die Renaissance des Staates“ war in viele „Restrukturierungsverhandlungen“ bei Unternehmen involviert, die vom Brexit betroffen sind. Für ihn ist klar:

„Die EU wird alles Mögliche versuchen, es für Großbritannien so schwer wie möglich zu machen und dem Land so viel Schaden wie möglich zuzufügen.“ Er habe ganz klar damit gerechnet, „dass es einen extremen Widerstand seitens der EU geben wird“, so der Volkswirt. Denn: Was da passiere, sei „epochal“ für die Europäische Union: „Dieser Schritt verstärkt die Auflösungstendenzen der EU.“

Einen Nachteil beim Brexit sieht der Ex-Banker sogar eher bei der EU und vor allem bei der Bundesrepublik. Dabei verweist er auf den deutschen „riesig großen“ Handelsbilanzüberschuss gegenüber dem Vereinigten Königreich. Dem Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) zufolge war Großbritannien im ersten Quartal 2018 das Land mit dem größten Handelsbilanzdefizit. Von Januar bis März dieses Jahres wies das Land ein Minus von 41,1 Milliarden Euro auf. Auf der anderen Seite war Deutschland im gleichen Zeitraum unangefochten Spitzenreiter mit einem Überschuss von 62,2 Milliarden Euro.

„Aus deutscher Sicht ist das schlecht. Derjenige, der einen großen Überschuss hat, der hat auch den größeren Schaden als der mit dem Defizit“, erklärt Steinhardt. Deswegen werde die Lage um den sogenannten „ungeordneten“ Brexit so dramatisiert und übertrieben, um auf angebliche „chaotische“ Zustände hinzuweisen. Doch chaotisch werde es nicht sein, bestätigt der Wirtschaftsexperte: „Die Handelsbeziehungen werden nicht stoppen. Es wird weitergehen.“

UK-Wirtschaft im Auftrieb?

Genauso übertrieben war es bei den Vorhersagen vor dem Brexit-Referendum, erinnert sich der Wirtschaftsforscher: „Da sind Studien aufgetaucht, die voraussagten, wie das Bruttoinlandsprodukt von Großbritannien sofort nach dem Referendum zusammenbricht. Was ist passiert? Nichts? Gar nichts. Das Gegenteil war der Fall.“

Und tatsächlich, vergleicht man das Wirtschaftswachstum der EU und Großbritanniens, kommt man zu dem Ergebnis, dass sich die UK-Wirtschaft mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,62 Prozent im Jahr 2018 besser entwickelte. Die Zahlen im letzten Jahr waren sogar besser als die der deutschen Wirtschaft, die im gleichen Zeitraum ein Wachstum von lediglich 1,5 Prozent verzeichnete, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit.

„Das Nein ist absolut nachvollziehbar“

Dass sich das britische Parlament gegen das verhandelte Abkommen entschied, kann Steinhardt nachvollziehen: „Das Ergebnis, das jetzt auf dem Tisch liegt, ist faktisch ein Verbleib Großbritanniens in der EU, ohne dass sie noch irgendwelche Mitspracherechte haben. Die Auswirkungen des formalen Austritts wären null.“

Mit dem Abkommen sei es der EU inhaltlich gelungen, Widerstand gegen den Brexit zu erzwingen, meint der Publizist. Und: „Es kann durchaus noch sein, dass der Brexit formal aufgehalten wird. Das war von vornherein klar die Strategie der EU. Diese ist aufgegangen, weil die konservative Regierung vollkommen inkompetent ist“, so der Wirtschaftsforscher.

Ifo: „Status einer Handelskolonie“

Auch der Forscher vom Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo), Gabriel Felbermayr, hält die Ablehnung des Brexit-Deals durch das Unterhaus für verständlich.

„Das Nein der britischen Abgeordneten zum Trennungsabkommen ist absolut nachvollziehbar, weil es das Vereinigte Königreich auf den Status einer Handelskolonie herabstufen würde. Es gewinnt keine handelspolitische Autonomie; zudem wird seine territoriale Integrität in Frage gestellt“, heißt es in einer Pressemitteilung des Ifo-Instituts.

Felbermayr fügt hinzu: „Eine aufgewertete Zollunion, in der London mitsprechen kann, in Kombination mit zusätzlichen bilateralen Verträgen nach Schweizer Vorbild, kann die Lösung für die verfahrene Situation sein. Das Vereinigte Königreich sollte aber auch die ökonomischen Realitäten akzeptieren und die großen handelspolitischen Herausforderungen gemeinsam mit der EU angehen anstatt getrennt von ihr. Die EU wiederum sollte mit ihrem politischen Dogma der vier Freiheiten brechen und flexiblere Integrationsmöglichkeiten bieten, die z.B. die Personenfreizügigkeit ausklammern. Dies böte auch Chancen zur wirtschaftlichen Integration weiterer Länder, mit denen eine politische Union aktuell unrealistisch erscheint. Dazu zählen neben der Schweiz die Türkei, Serbien, und in der fernen Zukunft vielleicht sogar die Ukraine oder gar Russland.“

Das komplette Interview mit Dr. Paul Steinhardt zum Nachhören:

Quelle: Sputnik (Deutschland)

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