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"Ganz falsche Vorstellungen von Europa" – afrikanische Migranten in Lebensgefahr

Archivmeldung vom 18.02.2017

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 18.02.2017 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt
Bild: Brainbitch, on Flickr CC BY-SA 2.0
Bild: Brainbitch, on Flickr CC BY-SA 2.0

Kriegsgebiete, Wüsten und skrupellose Schlepper - auf dem Weg nach Europa erleben Migranten viele Gefahren. Marina Schramm arbeitet im afrikanischen Niger für die Internationale Organisation für Migration IOM. Sie macht die Erfahrung, dass viele Flüchtlinge ein völlig falsches Bild von Europa haben - und die Reise unterschätzen.

Im Interview, das von Marcel Joppa geführt wurde und auf der deutschen Webseite des russischen online Magazins "Sputnik"nachzulesen ist, heißt es: "Das afrikanische Land Niger wird bei Migranten häufig als Zwischenstation genutzt, um weiter Richtung Libyen zum Mittelmeer zu gelangen. im Oktober 2016 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel Niger besucht und dem Land Geld geboten, um die Fluchtbewegungen aufzuhalten. Die Bemühungen der EU sind groß, um mit der nigrschen Regierung eine Migrationspartnerschaft einzugehen. Angefangen habe dies Anfang des Jahres 2016, so Marina Schramm, Programmkoordinatorin bei der IOM in der Hauptstadt Agadez:

„Außenminister Steinmeier war im April hier, Entwicklungshilfeminister Müller dann im Sommer und Kanzlerin Merkel schließlich im Oktober. Aber es gibt auch viel Interesse und Besuche von Seiten der EU. Der Hauptpunkt ist, dass die EU und ihre Mitgliedsstaaten den Niger bei seinen Migrationsströmen unterstützen wollen. Auch geht es darum, dass die Rechte von Migranten besser geschützt werden sowie Schleuser und Schlepper stärker verurteilt werden sollen.“

Die Unterstützung ist allerdings noch ausbaufähig. Die von der EU geplanten Mittel seien "sehr weit davon entfernt auszureichen", sagte der nigrische Präsident Mahamadou Issoufou noch vor wenigen Monaten.

Viele afrikanische Flüchtlinge versuchen, über Niger und Libyen bis zum Mittelmeer zu gelangen und dann in die Europäische Union einzureisen. Die Gründe dafür sind vielfältig und die Vorstellungen haben häufig mit der Realität wenig zu tun, so Marina Schramm:

„Was sich ganz klar herausstellt ist, dass ein Großteil der Migranten — rund 97 Prozent — auf der Suche nach besseren Arbeitsmöglichkeiten ist und auf der Suche, mehr Geld zu verdienen. Deshalb steht als Ziel der Migranten dann häufig Europa vor Augen. Wobei viele Migranten sehr oft ganz schlecht informiert sind und ganz falsche Vorstellungen haben. Zum Beispiel denken sie, das Mittelmeer wäre nur ein Fluss, oder man brauche in Europa kein Visum mehr, wenn man erst einmal da ist.“

Deshalb ist das oberste Ziel der IOM die Aufklärung und Beratung der Migranten. Von dem gemeinsamen Blick auf die Landkarte bis hin zu Informationsveranstaltungen über die Gesetzgebung der EU – die Arbeit der Organisation ist vielfältig. Zwar sind viele Migranten fest entschlossen, die Reise fortzuführen. Doch es gibt immer mehr Ausnahmen:

„Einige kommen in unser Orientierungsbüro in Agadez, schauen sich Geschichten von Migranten an, die schon bis nach Libyen gekommen waren und dort dann Fürchterliches erlebt haben. Die überlegen es sich dann noch einmal anders und nehmen dann an einem freiwilligen Rückkehrprogramm teil. Das ist zwar im Moment noch eine relativ kleine Zahl, aber je mehr Informationen wir den Migranten bereitstellen, desto mehr werden sie es sich auch überlegen, ob sich der Weg nach Europa überhaupt lohnt.“

Und dieser Weg wird immer beschwerlicher. Viele Routen werden nun stärker kontrolliert oder sind von den Behörden geschlossen worden. Das Geschäft für Schlepper boomt. Den Flüchtlingen wird gegen Geld eine Mitfahrgelegenheit und an den Etappenzielen ein Schlafplatz geboten, so Marina Schramm:

„Dabei suchen sich die Migranten dann hier in Agadez einen Fahrer nach Libyen. Man sucht sich also einen Platz auf einem Pickup und kauft sich sozusagen ein Ticket. Es gibt keine öffentlichen Transportmittel, keine Busse oder Ähnliches. Das wird alles mit Pickups durch die Wüste organisiert. Noch vor einigen Jahren lagen die Preise dafür bei rund 200 Euro pro Person. Jetzt haben sich die Preise aber fast verdreifacht, nachdem die Regierung vermehrt gegen Schlepper vorgeht, Fahrer festnimmt und Fahrzeuge konfisziert.“

Welche Routen die Migranten aktuell nehmen, das versucht die IOM herauszufinden. Allein die Region von Agadez in Niger ist größer als Frankreich. Ein riesiges Wüstengebiet ohne Straßen oder Wege. Die Routen der Schlepper ändern sich laufend, was die Organisation vor eine große Herausforderung:

„Man kann also relativ einfach Kontrollpunkte umfahren und umgehen. Was aber natürlich auch heißt, dass die Routen gefährlicher werden, da es beispielsweise überhaupt kein Telefonnetz mehr gibt. Auch wird nicht mehr an den Stellen angehalten, an denen es Brunnen und eine Versorgung gibt. Wir versuchen aktuell, durch Gespräche mit Migranten mehr herauszufinden. Auch um dann an diesen Punkten da sein zu können und humanitäre Hilfe zu leisten. Denn häufig verfahren sich diese Fahrzeuge in der Wüste, oder Migranten werden von skrupellosen Schleppern in der Wüste ausgesetzt.“

Während die Zusammenarbeit der EU mit der Regierung in Niger bereits erste Früchte trägt, gestaltet sich dies mit Libyen deutlich schwerer. Neben der Einheitsregierung in Tripolis und einer Gegenregierung in Tobruk machen dutzende bewaffneter Gruppen Gebietsansprüche geltend. Doch von den 180.000 Flüchtlingen, die 2016 über die zentrale Mittelmeerroute nach Europa kamen, begannen 90 Prozent ihre gefährliche Überfahrt in Libyen. Marina Schramm hat mit zahlreichen Migranten gesprochen, die aus Libyen zurückgekehrt sind. Deren Berichte sind zeigen, von einem „sicheren Drittland“, wie im Fall der Türkei, kann nicht die Rede sein:

„Wir hören von Migranten, dass im Süden Libyens sehr viele Westafrikaner unter ganz schlimmen Bedingungen feststecken: Privatgefängnisse, Ausbeutung, Folter und Misshandlungen. Oft werden dort Migranten gekidnappt und die Familien müssen dann Geld nachschicken, damit sie überhaupt wieder frei kommen. Und diese Migranten kommen dann zurück in den Niger und wir helfen ihnen bei der Rückführung in ihre Heimat. Die wollen natürlich nur noch nach Hause, nach all dem, was sie erlebt haben.“

Die IOM und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR fordern von der EU, dass die inhumanen Haftbedingungen in Libyen ein Ende haben müssen. In „offenen Aufnahmezentren“ solle stattdessen eine menschenwürdige Unterbringung gewährleistet sein. Das größte Hindernis für eine effektive Flüchtlingshilfe bestehe aber in der prekären Sicherheitslage im Land."

Quelle: Sputnik (Deutschland)

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