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Deutsch in Mitteleuropa: Die meistgesprochene Sprache der Region

Archivmeldung vom 23.04.2021

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 23.04.2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
Mit der sogenannten Osterweiterung hat die deutsche Sprache in der Europäischen Union an Bedeutung gewonnen.
Mit der sogenannten Osterweiterung hat die deutsche Sprache in der Europäischen Union an Bedeutung gewonnen.

Foto: NordNordWest
Lizenz: GFDL
Die Originaldatei ist hier zu finden.

Nach Angaben des Bundesministeriums des Innern leben derzeit noch rund 500.000 Deutsche in Ostmittel- und Südosteuropa, die größten Gruppen in Polen (zwischen 150.000 und 350.000), Ungarn (132.000) und Rumänien (37.000). Etwa 40.000 verteilen sich auf Estland, Lettland, Litauen, Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien. Dies schreibt Nelu Bradean-Ebinger im Magazin "Unser Mitteleuropa" unter Verweis auf auf einen Bericht in der "Budapester Zeitung".

Weiter berichtet das Magazin: "Mitteleuropa war seit prähistorischer Zeit von verschiedenen – vor allem indoeuropäischen – Völkern bewohnt. Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahre 476 n. Chr. lebten vor allem verschiedene germanische – Langobarden, Skiten, Gepiden – und slawische Stämme auf dem Gebiet Pannoniens. Das später „deutsch“ genannte Volk, das sich im Laufe des 8. und 9. Jahrhunderts im östlichen Teil des Frankenreiches entfaltete, siedelte nördlich der Alpen. Deutsche gehörten im sogenannten Karpatenbecken also nicht zu den „Ureinwohnern“. Aber schon im Laufe des 9. Jahrhunderts erschienen in Pannonien die ersten ostfränkischen Sippen.

Sie kamen als Gäste

Die ungarische Staatsgründung (1000 n. Chr.) brachte eine Veränderung aus der Sicht der deutschen Ansiedlung, und nach hundertjähriger Abwesenheit ließen sich Deutsche als sogenannte Gäste (lat. hospites) wieder in größerer Zahl im Karpatenbecken nieder. Vor allem kamen Ritter, Priester, Mönche und Bauern nach Ungarn und spielten eine bedeutende Rolle in der um die Jahrtausendwende begonnenen Christianisierung Ungarns. Die deutschsprachige Bevölkerung erfüllte wichtige Aufgaben im militärischen, politischen, kirchlichen und wirtschaftlichen Leben des Landes.

Mitteleuropa umfasste den gesamten Landstrich, der sich vom „barocken Vilnius“ im Norden bis zum „mittelalterlichen Renaissance-Dubrovnik“ im Süden zog und ungefähr alles einschloss, was östlich von Deutschland lag und von seinem kulturellen Erbe her katholisch oder jüdisch geprägt war. Auch wenn der ethnische Pluralismus Mitteleuropas hochgehalten wurde, herrschte zugleich eine sehr klare Ansicht darüber, was es nicht war: christlich-orthodox, islamisch oder russisch.

Mitteleuropäischer Kulturraum

Den Mitteleuropäern ist es bereits vor Jahrhunderten gelungen, innerhalb Europas einen Kulturraum zu begründen, in dem zugleich auch die Keimzellen föderaler Strukturen angelegt waren. In diesem Kulturraum, im Osten von den Karpaten, im Süden vom Balkan begrenzt, bildeten und bilden Böhmen, die Gebiete der heutigen Slowakei und Ungarn sowie Österreich mit ihren deutschen bzw. polnischen Nachbarn den historischen Kern. In böhmischen Gebieten hat die deutsche Kultur eigene Traditionen entwickelt.

In den großen Städten wie in Prag, Berlin, Warschau, Budapest oder Wien war es das Judentum, das bis zu seiner Vernichtung eine kulturtragende und kulturbildende Rolle übernahm. Auch wenn das Judentum in Mitteleuropa durch Emigration und Vernichtung nahezu ausgelöscht wurde und heute kaum noch wahrnehmbar ist, hat es innerhalb der Völker einen Beitrag zur geistigen Entwicklung geleistet, der dem des Christentums an die Seite zu stellen ist. Europa hat sich oft bewusst und zu Recht auf seine jüdisch-christlichen Traditionen berufen. Diese eine Kultur und diese vielen Kulturen bilden für uns das geistige und das materielle Band.

Vielfältige deutsche Spuren

Die Deutschen haben schon eine über tausendjährige Geschichte im mitteleuropäischen Kulturraum. Sie haben ihre Spuren im Laufe der Zeit in vielen Bereichen hinterlassen. Nun stellt sich die Frage: Wie hat sich das deutsche Element entwickelt, welchen wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss übte es aus und was für geopolitische Auswirkungen hatte das?

Mitteleuropa wurde als Kulturraum vor allem durch eine gemeinsame Kultur, Mentalität, Weltanschauung usw. geprägt, wobei Latein lange Zeit als Amtssprache galt, bis es im 19. Jahrhundert von der deutschen Sprache als Verkehrssprache abgelöst wurde.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts lebten in Ostmitteleuropa rund 20 Millionen Deutsche. Davon wurden nach dem 2. Weltkrieg an die 14 Millionen vertrieben. Dennoch ist Deutsch auch heute noch die meistgesprochene und ‑gelernte Sprache in dieser Region. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes gibt es zurzeit weltweit 15,4 Millionen Deutschlernende, davon die meisten in Europa (11,2 Millionen), wo in Mitteleuropa Deutsch noch immer als wichtige Verkehrssprache gilt (1,9 Millionen in Polen, 600.000 in Tschechien, und 400.000 in Ungarn).

Insgesamt gibt es in Mittel- und Osteuropa mehr als 4,5 Millionen Menschen, welche die deutsche Sprache lernen. Neben den deutschsprachigen Minderheiten, die Deutsch als Muttersprache bzw. als Zweitsprache erlernen, sind es vor allem junge Studenten, Wissenschaftler, Arbeitnehmer, die auf den deutschsprachigen Arbeitsmarkt streben und dazu Deutschkenntnisse benötigen.

Deutschsprachige Staaten spielen führende Rolle im Welthandel

Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt fußt vor allem auf wirtschaftlicher Grundlage. Nach dem Bruttosozialprodukt, das alle Muttersprachler zusammen erwirtschaften, rangiert Deutsch auf Platz drei aller Sprachen weltweit. Die deutschsprachigen Staaten spielen eine führende Rolle im vernetzten Welthandel. Die Attraktivität einer Sprache als Fremdsprache hängt mehr von der Wirtschaftskraft der Sprecher ab als von der Sprecherzahl.

Mit der sogenannten Osterweiterung hat die deutsche Sprache in der Europäischen Union an Bedeutung gewonnen. Sie hatte schon traditionell in Mittel- und Osteuropa eine besondere Funktion als Verkehrs- und Schulsprache. Wenngleich in einigen Beitrittsländern Englisch als erste Fremdsprache in den Schulen unterrichtet wird, ist Deutsch auch in diesen Ländern unangefochten die zweite Fremdsprache.

Nach dem „Eurobarometer“, mit dem im Auftrag der EU-Kommission regelmäßig Meinungen und Einstellungen zu europaspezifischen Themen erhoben werden, steht Deutsch in den alten EU-Staaten in der Reihenfolge der Sprachen nach ihrer angenommenen Nützlichkeit an dritter Stelle, in den neuen Beitrittsländern dagegen an zweiter Stelle.

In den mitteleuropäischen Ländern, die seit dem 1. Mai 2004 zur Europäischen Union gehören, wird Deutsch nach Englisch für die nützlichste Fremdsprache gehalten. Nach dem Brexit wird die deutsche Sprache an Bedeutung, Gewicht und Attraktivität gewinnen – obgleich besonders die Westdeutschen ihre Muttersprache verschmähen. Dies wird sicherlich auch ein Argument in der weiteren sprachpolitischen Diskussion der EU sein.

Nelu Bradean-Ebinger wurde 1952 in Arad (Banat) geboren. Er wuchs im banatschwäbischen Bogarosch (Bogáros, Bulgarus) auf. Nach dem Besuch des deutschen Lyzeums in Hatzfeld (Zsombolya, Jimbolia) studierte er in Budapest Finno-Ugristik, Hungarologie und allgemeine Germanistik (Skandinavistik). Seit 1972 lebt er im Budapester Vorort Budaörs. Er ist Professor am Institut für internationale Beziehungen der Corvinus-Universität, ungarndeutscher Autor (Lyrik, Kurzprosa, historische Romane) und Mitglied des Verbandes Ungarndeutscher Autoren und Künstler (VUDAK).

Quelle: Unser Mitteleuropa

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