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US-Zinsen im Keller

Archivmeldung vom 13.06.2020

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 13.06.2020 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch André Ott

In den USA werden die Leitzinsen für eine sehr lange Zeit im Keller bleiben. Darauf hat US-Notenbankchef Jerome Powell die Marktteilnehmer nach der jüngsten Sitzung des Fed-Offenmarktkomitees eingestimmt. Der Grund dafür ist die Aussicht auf eine tiefe Rezession in den USA, die die Fed dazu zwingt, die Zinsen nahe null zu halten. Die US-Währungshüter beließen den geldpolitischen Schlüsselsatz in der abgelaufenen Woche in der aktuellen Spanne von 0 bis 0,25 Prozent.

Und darüber hinaus gaben sie in ihrem Zinsausblick zu erkennen, dass sie auch in den beiden nächsten Jahren keine Erhöhungen des Leitzinses ins Auge fassen. Die Covid-19-Pandemie lastet nach Einschätzung der Fed erheblich auf der US-Konjunktur.

Die Notenbank geht davon aus, dass die US-Wirtschaft gemessen am Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 6,5 Prozent einbrechen wird. 2021 soll es - so die Fed-Erwartung - aber wieder um 5 Prozent nach oben gehen. Mancher Marktteilnehmer hält eine derartige V-förmige Konjunkturentwicklung - also ein schnelles Verlassen des Tals der Tränen - aber für zu optimistisch und rechnet mit einer U-förmigen Bewegung der Wirtschaft.

Sollte es zu einer zweiten Infektionswelle und damit zu einem weiteren Lockdown der US-Wirtschaft kommen - und nicht nur dieser Volkswirtschaft -, könnte es sogar erforderlich werden, dass die US-Notenbank so wie auch andere Zentralbanken im Einklang mit den Regierungen eine Ausweitung der Maßnahmenpakete oder sogar neue Stimulierungsmaßnahmen ins Leben rufen müsste. Dann würde die Fed die Zinsen noch länger niedrig halten müssen, als sie jetzt mit einer Perspektive von zwei Jahren in Aussicht gestellt hat.

Und die US-Notenbanker um Powell gehen ja bereits jetzt schon einen Schritt weiter. Powell erklärte, dass man innerhalb der Fed noch nicht einmal darüber nachdenken würde, die Zinsen anzuheben. Eine solche Aussage lässt verständlicherweise tief blicken. Im zinsbeschlussfassenden Gremium wurde zudem die Zinskurvenkontrolle breiter diskutiert. Momentan will Powell aber erst mal an den Wertpapierkäufen, wie sie jetzt vollzogen werden, festhalten und noch nicht zur expliziten Kontrolle der US-Zinskurve, d.h. der Renditekurve der US-Staatsanleihen, übergehen. Japan ist hierbei ein Vorbild.

Die Zentralbank steuert dabei generell über gezielte Käufe von Staatsanleihen an bestimmten Laufzeitenpunkten direkt die Renditen der Papiere am Markt. Die Notenbank hat eine bestimmte Vorstellung darüber, wo an bestimmten Fälligkeitspunkten der Renditestrukturkurve des Landes die Sätze liegen sollten, und kauft oder verkauft entsprechend Anleihen, um genau diese Renditeniveaus zu realisieren. Dies kann die Fed beispielsweise entlang der gesamten Kurve von 2 bis 30 Jahren Laufzeit vornehmen. Ein wichtiger Laufzeitenpunkt sind hierbei meist die zehnjährigen Renditen, die Benchmark-Renditen, die weltweit für Zinsvergleiche herangezogen werden.

Mal ehrlich: Wo wird die US-Wirtschaft angekommen sein oder was wird ihr unmittelbar bevorstehen, wenn Powell & Co zur Zinskurvenkontrolle übergehen? Dann besorgt sich der Staat via Treasury Geld am Markt, und die Zentralbank kauft direkt via Primärmarkt oder indirekt via Sekundärmarkt die Staatsanleihen und steuert unmittelbar die Marktzinssätze des Staates. Schon jetzt herrscht in den USA Massenarbeitslosigkeit, Unternehmen beklagen heftige Umsatzeinbußen und Ertragsrückgänge, die Insolvenzwelle hat die Wirtschaft noch gar nicht in ihrem vollumfänglichen Ausmaß - über das bis heute nur spekuliert werden kann - erfasst. Wenn eine Zinskurvenkontrolle der Fed Realität wird, dann ist die Wirtschaft weit von einer V-förmigen Erholung entfernt.

Und was würde eine US-Zinskurvenkontrolle für die Eurozone, sprich die Bundesanleihen als Benchmark-Papiere des gemeinsamen Währungsraumes, bedeuten? Gern wurde von Anhängern einer möglichen Zinswende immer mal wieder auf die USA und die höheren US-Staatsanleiherenditen verwiesen. Ausgehend von einer Erholung der US-Wirtschaft und damit steigenden US-Staatsanleiherenditen müssten dann auch die Bundrenditen anziehen, so die Argumentation. Mit dem Zinsausblick der Fed fällt dieses Argument nun aber zumindest für die nächsten zwei Jahre unter den Tisch. Denn so lange werden die US-Zinsen laut Fed ja niedrig bleiben.

Kommt es zur Zinskurvensteuerung in den USA und damit zu niedrigen Staatsanleiherenditen, werden auch die Bundrenditen noch länger keinen Aufwärtsimpuls aus den USA zu spüren bekommen. Auch hierzulande wird es dann weiter heißen: lower for longer.

Quelle: Börsen-Zeitung (ots)  von Kai Johannsen

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