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WAZ: Beim Lesen fehlen die Vorbilder

Archivmeldung vom 08.12.2010

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 08.12.2010 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Thorsten Schmitt

Beim Lesen hakt es immer noch. Zehn Jahre nach der ersten Pisa-Studie landen 15-jährige Schüler in Deutschland mit ihren Lesekünsten zwar nicht mehr im Keller, sondern im Mittelfeld, doch eine Frage bleibt: Warum haben sie es in Mathematik und Naturwissenschaften deutlich weiter nach oben geschafft?

Warum hakt es beim Lesen? Es gibt zwei Antworten. Die eine ist kurz. Es hakt gar nicht. Mittelfeld, so könnte man argumentieren, ist für eine große Industrienation mit vielen Zuwanderern und starken regionalen Unterschieden ein prima Ergebnis. Die andere Antwort ist: Es hakt, weil Lesen anders als Mathe oder Chemie nicht nur eine Sache von schulischem Training ist. Lesen ist Alltagstechnik und Kulturpraxis. Ohne lustvolle, sinnstiftende Vorbilder im Elternhaus und im Freundeskreis bleibt es eine Trockenübung. Dazu ein Detail aus der aktuellen Pisa-Studie. Drei Fähigkeiten mussten die Fünfzehnjährigen bei den Lesetests zeigen: Informationen heraussuchen, Fakten kombinieren und deuten, und schließlich den Text einordnen und bewerten. Bei den deutschen Schülern sieht man deutlich: Beim dritten Schritt gab es Probleme. Es hakt dort, wo Zusammenhänge sichtbar gemacht und Urteile begründet werden sollten. Ein Berliner Bildungsforscher hat jüngst beklagt, dass sogar seine Studenten, immerhin die nächste Lehrergeneration, lieber Aussagen und Meinungen aus dem Internet zusammenbauen, als sich selbst in ein Thema hineinzudenken. Und es mangelt nicht an Meinungen. Dazu muss man nur eine Woche lang die politischen Talkshows ansehen. Haben sich also schon Fünfzehnjährige daran gewöhnt, zu allem Urteile serviert zu bekommen, dass sie eigene Urteilsfähigkeit nicht brauchen? Lesetraining ist nicht nur Beibringen von Technik, sondern von Denken. Und es ist gut, dass sich die Zahl der sehr schlechten Leser verringert. Einige Bildungsforscher sind allerding skeptisch, ob eine noch so engagierte Leseförderung in Kitas und Schulen denn gegen die Einflüsse einer zunehmend lesefeindlichen Umgebung ankommt. Deutschland wird beim Lesen im Mittelfeld bleiben. Lesende Eltern kommen in vielen Familien nicht vor. Bei laufenden Fernsehern und Computern lässt sich zwar Informiertheit erzeugen oder simulieren - das Lesen (in einem mehr als technischen Sinn) lernt man so nicht.

Quelle: Westdeutsche Allgemeine Zeitung

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