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Reitschuster: Wie ich jetzt journalistisches Asyl aus Moskau bekomme

Archivmeldung vom 24.01.2022

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 24.01.2022 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
Bild: Euku/Wikileaks/CC BY-SA 3.0
Bild: Euku/Wikileaks/CC BY-SA 3.0

Angesichts all der Angriffe von Kollegen, und gerade auch von solchen, die ich für Freunde gehalten habe, hat mein Glaube an die Solidarität in meinem Berufsstand sehr gelitten. Umso gerührter bin ich jetzt von einem bewegenden Akt der Solidarität unter Kollegen – aus Russland. Seit vielen Jahren verbindet mich mit Dmitrij Muratow, dem Chefredakteur der „Nowaja gaseta“ in Moskau, eine professionelle Freundschaft. Noch enger ist die Verbindung zu seinem Stellvertreter Andrej Lipski: Uns verbindet eine Seelenverwandtschaft. Dies berichtet der Investigative Journalist Boris Reitschuster auf "Reitschuster.de".

Weiter berichtet Reitschuster: "Früher habe ich Muratow und Lipski in schweren Situationen des öfteren geholfen. Wir haben einiges zusammen durchgestanden. Auch ganz schwere Momente, wie die Ermordung von Mitarbeitern Muratows und Lipskis.

Etwa 2008 in Berlin. Einer guten Freundin schrieb ich damals in einem Brief: „Ich erwartete den Chefredakteur der Nowaja gaseta, Dmitrij Muratow war gerade in Berlin, als Gast für eine gemeinsame Veranstaltung, als die Nachricht vom brutalen Mord an seinem Anwalt und einer seiner Journalistinnen eintraf. Muratow, in dessen Zeitung ja auch Politkowskaja arbeitete, wollte die Reise sofort absagen – aber die Redaktion und Gorbatschow, sein Freund, baten ihn, jetzt erst recht nach Deutschland zu reisen und die Menschen zu informieren. Nie werde ich sein Gesicht vergessen, nach der Ankunft. ‘Boris, ich muss meine Zeitung schließen, ich kann nicht noch mehr Leute dem Risiko aussetzen, getötet zu werden‘, sagte er mit Tränen in den Augen – und gab sich selbst eine Mitschuld an den Morden. Es waren schlimme, bewegende Stunden, die wir gemeinsam in Berlin verbrachten. Stunden, die einem nie aus dem Kopf gehen werden. Und die an die Substanz gehen.“

Nie werde ich vergessen, wie mir Dima, dieser Bär von einem Mann, mit Tränen in den Armen lag, buchstäblich Halt suchte. Bis weit nach Mitternacht saß ich mit ihm in seinem Zimmer im Steigenberger-Hotel am Los-Angeles-Platz in Berlin. Redete ihm Mut zu: „Dima, Du darfst nicht aufgeben! Leute wie Du sind jetzt wichtig! Wenn Russland von den Abwegen, auf die es geraten ist, abkehrt, werden es Menschen wie Du sein, die das Land braucht! Leute wie Du sind das Gewissen der Nation, auf die später Generationen zurückblicken werden und eine Antwort finden auf die Frage, warum so viele geschwiegen haben“. Ich gebrauchte – ohne die Situation in irgendeiner Weise gleichsetzen zu wollen – Stauffenberg und seine Helfer als Beispiel. Erzählte, wie wichtig sie für die weitere Geschichte waren.

Die Zeiten ändern sich. Muratow hat im Herbst den Friedensnobelpreis erhalten, ist jetzt weltbekannt. Einer der wichtigsten Vorkämpfer für die Pressefreiheit in der Welt. Und so lag es für mich nahe, mich an Dima zu wenden, als mich die Bundespressekonferenz unter – in meinen Augen – hanebüchenen Umständen ausschloss. Ich fühle mich im Russischen genauso wohl wie im Deutschen und habe auch früher schon der „Nowaja“ zugearbeitet. Was lag da näher, als mich bei Muratow als Berlin-Korrespondent zu bewerben? Sozusagen eine diskrete Bitte um journalistisches Asyl und Schutz.

Denn es ist eine Sache, einen freien Journalisten mit einem eigenen Blog aus der Bundespressekonferenz auszuschließen. Eine andere, einen Korrespondenten der wichtigsten kritischen russischen Zeitung vor die Tür zu setzen, deren Chefredakteur für seinen Einsatz für die Pressefreiheit gerade mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Muratow reagierte genau so, wie ich es erwartet habe: Mit einem Ja. Kneifen gilt nicht für jemanden wie ihn. Ab heute bin ich offiziell Berlin-Korrespondent der „Nowaja gaseta“. Die zuhause in Russland massiv unter Bedrängung durch die Regierung leidet. Auch wenn die Bundespressekonferenz ein privater Verein ist – wenn sie sich einen derartigen Affront gegen die hochangesehene „Nowaja gaseta“ leistet, deren Korrespondenten auszuschließen, hätte ihr Vorgehen mir gegenüber damit noch einmal in eine völlig neue Dimension erreicht. Aktuell ist noch mein Widerspruch gegen den Ausschluss anhängig, über den der Vorstand entscheiden wird.

Anders als in den Berichten der großen Medien über meinen Ausschluss suggeriert, sind diverse Mitglieder der Bundespressekonferenz für Medien mit Sitz im Ausland tätig (siehe hier); laut Satzung ist das auch so möglich. Aber entsprechende Falschinformationen wurden ebenso unnachgefragt verbreitet wie die Lüge, meine Seite sei eine Firma. Sie war nie eine Firma und ist keine Firma, sie ist einzig und alleine meine Seite als freier Journalist.

Pikant ist meine neue Tätigkeit – keine Angst, natürlich bleibt meine Seite weiter der Schwerpunkt meiner Arbeit – auch für die vielen Hasser, die ausgerechnet mir als Putin-Kritiker eine Nähe zum Kreml unterstellen wollen, um mich zu diffamieren. Das war auch bisher schon völlig absurd – nun sollte bei den Verbreitern solcher Lügen allerdings die Nase sehr lang werden…

An dieser Stelle möchte ich noch einmal allen Leserinnen und Lesern ganz herzlich danken, die mir mit ihrer Unterstützung ermöglichen, mich juristisch gegen den Rauswurf auf der Bundespressekonferenz zu wehren. Dank ihrer Hilfe konnte ich mir einen Anwalt nehmen und kann ggf. auch klagen."

Quelle: Reitschuster

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