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Polizei-Gewalt: „Ich dachte, die bringen den um!“

Archivmeldung vom 04.08.2021

Bitte beachten Sie, dass die Meldung den Stand der Dinge zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 04.08.2021 wiedergibt. Eventuelle in der Zwischenzeit veränderte Sachverhalte bleiben daher unberücksichtigt.

Freigeschaltet durch Sanjo Babić
Bild: Boris Reitschuster / Eigenes Werk
Bild: Boris Reitschuster / Eigenes Werk

Es sind die Kleinigkeiten, die einem den Atem rauben. Beim zweiten Blick. Als mein Mitarbeiter auf seinem Video das Bild für diesen Beitrag aussuchte, bemerkte er, dass selbst das Bein des Polizisten nach der brutalen Festnahme ganz mit Blut überschmiert ist. Gott sei Dank entdeckten wir das erst, nachdem dieser Beitrag geschrieben wurde. Sonst hätte ich alles wohl kaum so ruhig schreiben können. Lesen Sie unten auch exklusiv, wie der Attackierte den Übergriff erlebte. Er musste nach dem Übergriff an zwei Stellen am Kopf genäht werden. Dies berichtet der Investigative Journalist Boris Reitschuster auf "Reitschuster.de".

Bild: Boris Reitschuster / Eigenes Werk
Bild: Boris Reitschuster / Eigenes Werk

Weiter berichtet Reitschuster: "Der Mann, den ich seit Jahren gut kenne und dem ich voll vertraue, traute seinen Augen nicht. Er saß in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg, unweit von der Kantstraße, und hörte plötzlich Lärm vor seinem Fenster: „Ich ging auf den Balkon und sah unten auf der Straße rund 200 Menschen, so vom Typus her schwäbische Hausfrauen, harmlose Leute, sie waren nur sehr laut. Erst wusste ich gar nicht, was da los ist, dann erinnerte ich mich an das Demo-Verbot und verstand, das sind Teilnehmer der verbotenen Demo.“

Weiter sah der Mann, dass mehrere Mannschaftswagen der Polizei mit Blaulicht vorfuhren: „40 bis 50 Polizisten mit Helmen sprangen raus und versuchten, die Leute wegzudrängen. Was ich dann sah, machte mich völlig fassungslos: Sie warfen Menschen einfach auf den Asphalt, sprühten Pfefferspray auf sie. Ein junger Mann, vielleicht 18, 20 Jahre alt, ist aber schwer zu sagen, versuchte, im Zickzack an den Beamten vorbeizuspringen. Dabei rempelte er ohne Absicht leicht seitlich einen Beamten, der dadurch leicht ins Schwanken geriet.“

Was er dann von seinem Balkon aus sah, hat sich dem Berliner tief in sein Gedächtnis eingeprägt. So tief, dass er jetzt noch empört ist beim Erzählen: „Darauf stürzte sich eine ganze Hand voll Polizisten regelrecht auf den jungen Mann, rissen ihn auf den Asphalt, ein Polizist setzte sich auf ihn, und schlug ihn, unentwegt, immer wieder, mit der Faust ins Gesicht. Ich dachte, die bringen den jetzt um. Ich sah dann, wie Blut lief. Die schlugen einfach weiter. Auf mich machte es den Eindruck, dass der junge Mann bewusstlos war. Das war ein ziemlicher Hempfling, schmal, schmächtig, der konnte sich gar nicht wehren, selbst wenn er es gewollt hätte. Sie legten ihm Handschellen an, und schlugen dann trotzdem weiter. Gleichzeitig bildete ein Dutzend Beamte einen Kreis um diese brutale Szene, so dass auf der Straße niemand sehen konnte, was da passierte. Nur ich sah das, von oben, vom Balkon.“

Obwohl der junge Mann regungslos und gefesselt am Boden liegt, drückt ihm ein Beamter das Knie gegen die Beine. Sodann wird er sehr rabiat umgedreht. Der Augenzeuge: „Die Polizisten haben den Mann dann nach oben gezogen, er wirkte bewusstlos, und ihm wurde eine Kompresse aus dem Verbandskasten, die man aus einem Polizeiauto geholt hat, an den Kopf gehalten und ihm sehr roh ein Kopfverband angelegt. Danach hat man ihn auf viehische Weise wieder nach oben gezogen und ihn in Handschellen zum Polizeiwagen gebracht. Es dauerte zehn bis 15 Minuten, bis ein Krankenwagen kam. Dabei ist hier eine Feuerwache nur rund 100 Meter entfernt, da hätte man ganz leicht die Rettungssanitäter holen können, die da immer da sind.“

Was weiter passiert ist, habe er nicht mehr sehen können, so der Augenzeuge: „Leider war ich so schockiert, dass ich erst zu spät meine Kamera einschaltete und erst filmte, als die Prügelorgie vorbei war und sie auf ihm saßen und ihn verbanden und abführten“. Offenbar kurz darauf kam auch ein Mitarbeiter von mir vorbei und konnte noch aufnehmen, wie der junge Mann blutüberströmt und regungslos auf der Straße liegt. Die Szene habe ich veröffentlicht in dem Video, in dem ich brutale Polizeiübergriffe vom Sonntag dokumentiere. Bei Youtube wurde sie als schädlich für Minderjährige eingestuft, wer sie ansehen will, muss sich ausweisen, um nachzuweisen, dass er 18 Jahre alt ist (ob es sich da um verdeckte Zensur handelt oder wirklich um Sorge um Minderjährige, sei dahingestellt). Hier sehen Sie die Bilder auf der zensurfreien Plattform „Rumble“, ab Zeitmarke 8.17.

Auf dem Video ist auch zu hören, wie jemand – offenbar ein Polizist – versucht, die aufgebrachten Augenzeugen zu beruhigen, auf berlinerisch: „Der ist alleene hier umjekippt!“ Und das, obwohl der Mann völlig blutverschmiert ist.

Das Fazit des Augenzeugen; „Ich habe mir bislang nicht vorstellen können, dass die Polizei auf friedliche Leute auf diese Weise einprügeln würde. Ich habe mir vorstellen können, dass die hart eingreift bei Gewalttätern, vielleicht auch einmal härter, als sie es sollte. Aber ich habe mir nie vorstellen können, dass sie harmlose Menschen einfach grundlos auf die Straße wirft und auf wehrlose Bürger, die am Boden liegen, einprügelt. Das habe ich zum ersten Mal gesehen. Das hat mich sehr schockiert, weil ich immer sehr großes Vertrauen in die Polizei hatte, weil ich immer dachte, die sind Profis, die verstehen ihr Handwerk, die können jemanden, der an einer verbotenen Demo teilnimmt, einfach wegschieben. Und dann ist es gut. Ich rechnete mit einem angemessenen Vorgehen. Denn die Menschen, die ich sah, waren weder aggressiv noch gewalttätig. Das waren harmlose Bürger, so habe ich das gesehen. Es waren viele Menschen in der Straße schockiert, die konnten genauso wie ich nicht glauben, was sie da sahen.“

Zwischenzeitlich hat sich sogar der UN-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, eingeschaltet. Auf Twitter sucht er nach Zeugen für einen dort dokumentierten brutalen Übergriff auf eine Frau – siehe dazu auch meinen Bericht hier.

Inzwischen sorgen noch weitere Szenen von Polizeigewalt für Aufsehen in den sozialen Medien. Etwa dieses Kurz-Video mit folgendem Begleittext: „Berlin, Polizist schlägt einem kleinen Jungen auf den Kopf, weil er sich Sorgen um seine Mutter macht“ (auf Youtube wurde das Video sofort wieder indirekter Zensur unterworfen, indem es mit einer Altersbeschränkung auf 18 Jahre versehen wurde – damit können es nur Nutzer sehen, die sich ausgewiesen haben. Viele schreckt das ab. Wiederholt wurden zuletzt auch harmlose Interviews mit solchen Altersbeschränkungen versehen). Zensurfrei finden Sie das Video hier auf rumble, mit Altersbeschränkung auf YouTube hier.

Hier sehen Sie noch weitere Szenen von brutaler Polizeigewalt:

Ein Teilnehmer der Demonstration, der für die Partei „Die Basis“ aktiv war, starb nach seiner Festnahme offenbar an einem Herzinfarkt. Die Ermittlungen in dem Fall laufen weiter. Man stelle sich vor, wie die Reaktion in deutschen Medien und Politik wäre, wäre in Polen oder Ungarn ein Oppositionspolitiker bei einer verbotenen Demonstration nach der Festnahme durch die Polizei an einem Herzinfarkt verstorben.

PS: Inzwischen hat ein erster Kontakt mit dem Opfer stattgefunden, es ist ein 40-jähriger Selbständiger aus Leipzig. Er erzählte mir: „Ich bin nicht im Zick-Zack gelaufen, sondern ich wollte einem Mann helfen, der von zwei Polizisten zu Boden gedrückt und auch geschlagen wurde. Daraufhin kam sofort dieser Trupp, ich glaube es waren drei Polizisten, und ich war sofort auf dem Bauch und habe nichts mehr gesehen. Ich wurde von den Beamten mit Quarzhandschuhen geschlagen, obwohl ich wehrlos am Boden lag und mich überhaupt nicht widersetzte. Ich hatte starke Schmerzen, an Kopf, Hüfte und Rücken. Ich habe zwei Platzwunden und eine Fast-Platzwunde oben am Schädel, die Gott sei Dank nicht aufgegangen ist, denn die wäre dann zwanzig Zentimeter lang gewesen. Ich wurde in einer Notfallaufnahme von einer Unfallchirurgin genäht, eine Platzwunde an der rechte Schläfe und eine hinter dem rechten Ohr mussten genäht werden. Im Krankenhaus hatte ich eine Bewachung von der Polizei dabei die ganze Zeit. Nach der Behandlung wurde ich dann freigelassen. Das Ganze war für mich ein Schock, so exzessive Gewalt habe ich nicht erwartet. Einen Schlag hätte ich noch verstehen können, aber gefühlt war es ein Dutzend. Ich kann nicht verstehen, woher diese Brutalität kommt. Morgen will ich Anzeige erstatten. Ich würde mich sehr freuen, wenn sich noch Zeugen melden. Wir haben keine Dienstnummern. Die Polizei wirft mir Gefangenenbefreiung vor. Ich weise das zurück“.

PS: Der Berliner Innenexperte der in Berlin mitregierenden Grünen, Benedikt Lux, sagte 2020 im Ex-SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“

Gemessen an dem, was vorher gelaufen ist, haben wir einen Riesenerfolg erzielt. Wir haben die gesamte Führung fast aller Berliner Sicherheitsbehörden ausgetauscht und dort ziemlich gute Leute reingebracht. Bei der Feuerwehr, der Polizei, der Generalstaatsanwaltschaft und auch beim Verfassungsschutz. Ich hoffe sehr, dass sich das in Zukunft bemerkbar macht.

Quelle: Reitschuster



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