Liebe verändert die Wahrnehmung
Liebe macht nicht wirklich blind, aber zumindest unempfänglich für bestimmte optische Reize. Das haben der Psychologe Jon Maner von der Florida State University in Tallahassee und sein Team nun in einem Versuch bestätigt: Die Bilder attraktiver Menschen beeinflussen die Aufmerksamkeit von Verliebten nur wenig, fanden die Forscher heraus. Interessant für Maner und sein Team war vor allem die Erkenntnis, dass dieser Prozess bereits auf visueller Ebene beginnt und nicht von bewussten Entscheidungen abhängig ist. Die Wissenschaftler sehen darin einen evolutionären Prozess, der dabei hilft, die Stabilität von langfristigen Partnerschaften zu gewährleisten.
Für ihren Versuch wählten Maner und sein Team rund hundert Studenten aus. Vor Beginn des eigentlichen Experiments wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen eingeteilt, die jeweils eine andere Aufgabe zu erfüllen hatten: Ein Teil der Studenten musste über Momente schreiben, an denen sie sich besonders verliebt gefühlt hatten. Die Probanden in der zweiten Gruppe sollten dagegen nur über Momente schreiben, an denen sie besonders glücklich waren.
Wissenschaftler bezeichnen dieses psychologische Verfahren als
"Priming" oder "Bahnung" – ein bestimmtes Konzept wird dadurch im Gedächtnis
aktiviert und beeinflusst so das anschließende Verhalten. Im Anschluss an das
Priming zeigten Maner und sein Team den Versuchsteilnehmern 60 Fotos von Männern
und Frauen. Die Wissenschaftler hatten die Personen auf den Bildern dabei in die
Kategorien "hoch attraktiv" und "durchschnittlich aussehend"
eingeteilt.
Nach jeweils einem Bild mussten die Teilnehmer zudem ein
Objekt auf dem Computerbildschirm identifizieren. Dabei stellten die
Wissenschaftler fest, dass sich die Teilnehmer aus der Gruppe der Verliebten
wesentlich weniger von den Bildern hoch attraktiver Menschen ablenken ließen –
ihre Reaktionszeit war deutlich kürzer. Bei Bildern von durchschnittlich
aussehenden Menschen war die Reaktionszeit der beiden Teilnehmer-Gruppen dagegen
ähnlich. Maner geht daher davon aus, dass attraktive Menschen auf Verliebte
keinen anziehenden, sondern vielmehr einen abstoßenden Effekt ausüben.
